Wald: Schlangen - Schlingnattern im Kreuzlinger Forst

In historischer Zeit war jenes Kreuzling von dem dieser Wald seinen Namen erhalten hat, eine Schweige. Schafe und Rinder wurden gehalten, und da zu jener Zeit der Wald nicht viel, Weideland aber sehr viel wert war, weideten die Tiere im Wald. Sofern man noch von Wald reden konnte, denn der war total zusammengefressen. In jener Weidelandschaft profitierten aber eine ganze Menge Tierarten davon, dass hier eben kein Wald war, sondern

offenes Land. Bei den Vögeln waren das beispielsweise Blauracke und Wiedehopf. Profitiert haben aber auch Eichelhäher, Mäuse und Wiesel und natürlich auch Greifvögel und Eulen. Auch Eidechsen und Schlangen, Spitzmäuse und Siebenschläfer hat es damals hier noch gegeben. Das waren bereits damals die Kulturfolger einer extensiven Bauernarbeit.

Irgendwann wurde die Schweige verkauft, und der Wald kam zurück. Schließlich lagerte hier im Krieg Flugbenzin unter der Erde, Militär rückte an und bis in die heutigen Tage war hier auch ein Truppenübungsplatz, bis man wieder eine neue Nutzung entdeckt hat. Das Verändern ging zuweilen schneller als die Natur sich anpassen konnte. Manche der seltenen Vögel wurden erschossen. Die kleinen und die langsamen Tiere aber verkrochen sich, teils unter der Erde, teils wusste überhaupt niemand, wo sie geblieben waren oder dass es sie noch gab. Das gilt selbst heute noch für die Schlangen in den Kiesgruben.

Die Mehrzahl der Bürger kennt Schlangen nur aus der Bibel. Andere wissen vielleicht gerade noch, was eine Ringelnatter ist, die häufigste Schlange in Deutschland. Doch die lebt lieber am Wasser. Wenn sie dort nun dahinschlängelt, fürchten sich manche Menschen und schließlich wird aus der Angst Hass, der unverständlich bleibt, denn er meint damit die Kreuzotter, vor deren Gift sich manche fürchten.

Die Schlange der vergangenen Weidewirtschaft ist freilich ein Tier, das offenes, versteckreiches Land geliebt hat, Heideflächen über denen die Heidelerche sang. Kleine von Kulturland umrahmte Biotope. Diese Schlingnatter wird auch Glattnatter genannt, Coronella austriaca. Sie ist eine kleine langsame, sehr geschmeidige Schlange, die sich überwiegend am Boden aufhält. Jagend oder zur Futtersuche, aber auch um sich zu sonnen, kann sie sehr geschickt im Gebüsch oder auf dürren Ästen umherklettern. In der Fortpflanzungszeit kann sie dort auch Gruppen bilden. Diese Schlange ist mit einer Größe von nur 50 bis 60, äußerstenfalls 70 cm eine relativ kleine, aber sehr geschmeidige und kräftige Natter. Ihr Kopf ist kaum vom Hals abgesetzt. Sie ist bräunlich und ist mit dunklen Tupfen gezeichnet.

Mitte Oktober sucht sie ihr Winterquartier auf. Bei günstigem Wetter erscheint sie wieder, um sich vorerst nur zu sonnen. Während der Paarung im April umschlingen die Partner einander. Je nach Ernährungszustand gebären sie nun jedes 2. oder 3. Jahr Junge. Sie legen also keine Eier, sondern gebären 4 bis 15 lebende Junge in transparenten Schleimhüllen. Die Schlangenbabys sind anfangs etwa 15 cm lang. Wenn sie wachsen, aber auch noch als erwachsene Tiere, wird ihnen irgendwann die Jacke zu eng und sie häuten

sich, wie alle anderen Schlangenarten auch. Jene abgestreifte alte Haut war es, die ich in der Kiesgrube im Kreuzlinger Forst fand, die damit für mich das erste Anzeichen von Schlangen war. Ich muss eingestehen, dass ich zwar mächtig suchte, aber die lebendigen Schlangen, die zu der Häutung gehörten, nicht gefunden habe. Es gehört schon ein besonderer Blick dazu sie zu entdecken. Der sehr interessierte Sohn meines Nachbarn war es, der sie fand und mich holte, damit ich sie fotografieren konnte. Ich habe auch später noch wiederholt mit Schlangenexperten an der betreffenden Stelle nachgesucht, aber die Schlingnattern waren ausgeflogen. Doch auch ein geeignetes Biotop hat Tausende von Versteck-Möglichkeiten. Die aber verändern sich laufend.

Schlingnattern leben von Eidechsen und Blindschleichen, aber sie holen auch nestjunge Mäuse und Spitzmäuse aus deren Nest. Kleine Beute verschlingen sie gleich. Größere Beutetiere werden auf gleiche Art umschlungen und erstickt, so wie wir es auch von den Riesenschlangen her kennen. Aber auch Schlingnattern leben gefährlich. Igel und Marder, vor allem aber die Wanderratten sind Fressfeinde. Wild- und Hausschweine haben sie zum Fressen gerne.

Das schlimmste aber, was der kleinen Schlange passieren kann ist die Sukzession. Wenn also die Naturverjüngung anfliegt und vor allem, wenn der Anflug der schnell wachsenden Weiden aus dem offenen Lebensraum wieder einen Wald machen will.

Die Schlingnatter im Kreuzlinger Forst ist kein Tier unberührter Wildnis. Sie ist ein Tier, das in seiner oft sehr begrenzten Verbreitung immer schon von der Arbeit der bäuerlichen Hand abhängig war. Sie braucht die extensive Landwirtschaft, also die Hand des Menschen. Im Kreuzlinger Forst ist sie leider ein Opfertier für einige der Vogelschützer geworden. Mit anderen Worten: Die Gemeinde Krailling hat das Gebiet von der Bundeswehr übernommen. Es wurde vereinbart, dass es vom Landratsamt unter Schutz gestellt wird und der Vogelschutz die Pflege übernimmt. Leider geschah weder das Eine noch das Andere. Stattdessen erobert der Wald das Gelände zurück und statt Trockenrasen wächst zunehmend Wald. Man hätte das auch durch Schafe, Ziegen, Elche, Wisente oder meinetwegen auch Elefanten frei fressen lassen können. Aber auch darum hat sich keiner gekümmert. Gemeinsam mit ihren Beutetieren, Eidechsen, Wechselkröte und Ödlandschrecke verschwindet daher auch die Schlingnatter. Unsere Enkel, vielleicht sogar unsere Kinder werden sie nicht mehr kennen, wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht.

Wolfgang Alexander Bajohr
 

Kurzbiologie der Schlangen

Weltweit gibt es etwa 27.000 Schlangenarten, davon in Europa 27. Die meisten Arten leben im Mittelmeer-Raum. Wie viele davon im Fünfseenland auf dem Bauch herum kriechen, weiß niemand ganz genau. Als Schuppentiere sind sie mit den Eidechsen verwandt. Sie haben keine Beine, auch nicht verkümmert oder unter der Haut. Schlangen laufen auf ihren Rippen. Durch ein sinnvolles Zusammenspiel von Rippen und Bauchschildern, stemmen sie ihre Brustschilde in den Boden und schieben sich Schuppe um Schuppe weiter. Dabei schlängeln sie abwechselnd oder sie schieben sich voran.

Da Schlangen in der Evolution wohl ursprünglich wühlende Tiere waren, schützen sie ihre Augen mit einer Nickhaut. Das Auge ist wenig beweglich, daher wirkt ihr Blick etwas starr. Bei der regelmäßigen Häutung stoßen sie die alte Haut in Fetzen und auch im Ganzen ab. Darunter taucht sie dann in neuer Frische und in besonders leuchtenden Farben wieder auf. Schlangen bilden nur noch ihren rechten Lungenflügel aus, denn im hinteren speichern sie die Luft. Das ist wichtig, weil sie sonst beim Verschlingen größerer Beutestücke ersticken würden. Da sie beim Verschlingen großer Beutestücke den Unterkiefer aushängen können, und Zähne nicht nur im Kiefer sind, sondern auch im Munddach, halten Sie die Beute fest und helfen sie in den Schlund hinabzuwürgen.

Die Schlingnatter gehört wie alle Nattern zu den nicht giftigen Schlangen, darum braucht auf Giftzähne hier nicht eingegangen zu werden. Wie alle Schlangen riechen sie mit ihrer gespaltenen Zunge. Mit ihr züngeln sie darum andauernd, da sie hierbei Luft und damit die darin enthaltenen Duftstoffe aufnehmen.

Schlangen hören allerdings schlecht, aber sie sind stattdessen äußerst sensibel bei Bodenerschütterungen, vor denen sie flüchten. Dieses Verhalten ist so ausgeprägt, dass selbst in Gebieten, wo Schlangen häufig sind, auch Schlangenkenner und -freunde kaum eine Schlange zu sehen bekommen.

Wolfgang Alexander Bajohr