Wald: Im Auwald bei Dießen singt die Nachtigall.
Zauberhafte Arien veredeln den Frühling

Manche Nachtigall singt wirklich die ganze lange Nacht - und den ganzen Tag über singt sie auch noch. Da habe ich mich oft gefragt, wann der Vogel eigentlich schläft. Die Mehrzahl der Nachtigallen singt aber am Tag, am frühen Morgen und späten Abend. Es ist wahrhaftig eine von ihr komponierte Musik, was sie uns da vorträgt. Meist ist sie nur zu hören, gesehen haben sie die wenigsten Menschen, denn sie ist ein unscheinbarer graubrauner Vogel, kaum größer als ein Gartenrotschwanz.

 

Sie beginnt ihre Strophen mit leisen, lang gezogenen parallelen Tönen, denen dann die melodischen Schläge gleich in voller Lautstärke folgen. Für die nächsten vielseitigen Folgen ist das wohltönende musikalische Klangbild charakteristisch. Die nun folgenden melodischen Klangstrophen sind ansteigend und so vielgestaltig, dass es sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Dabei ist die schnelle Vortragsweise fast verwirrend. In der zweiten Strophe wird die Tonfolge dann nicht so betont, aber in flotterem Rhythmus wiederholt und nur da oder dort mit verschiedenen repetierten Silben ergänzt. Den Schlussakkord bildet schließlich ein in sehr hoher Tonlage  präsentiertes Pfeiffortissimo. Diese Pfeifphasen haben nachts einen wesentlich höheren Anteil am ganzen Vogelkonzert als tagsüber. Die wohlklingenden Laute werden zuweilen durch ein energisches Schnarren unterstrichen. Die sicherste Art eine Nachtigall zum Singen zu bringen, ist es, ihr den eigenen Gesang mit dem Tonband wieder vorzuführen. Das beantwortet die Nachtigall mit beachtlicher Ausdauer. Diese Ausdauer dient der Revierabgrenzung wohl mehr als dem Wunsch einem Weibchen zu gefallen. Man kann auf einen Meter im Gebüsch neben einem solchen singenden Vogel stehen, aber man sieht ihn nicht, obwohl er ganz offen auf einem Zweig sitzt und singt. Der Vogel ist wenig scheu, denn er vertraut ganz auf die Tarnung im Astgewirr des Gebüsches. Wenn er so singt, bewegt er sich kaum, nur der Schnabel geht auf und zu, wenn er singt und unermüdlich singt.



Jeder kennt den Namen der Nachtigall, viele kennen auch ihren Gesang. Aber wie der Vogel aussieht, das weiß kaum jemand. Ihren Verbreitungsschwerpunkt hat die Nachtigall in Südeuropa. In den neuen Bundesländern östlich der Elbe gibt es eine andere Unterart, den Sprosser. In Bayern liegt der Schwerpunkt der Nachtigall-Gebiete in Nordbayern, vor allem auch in der Gegend von Nürnberg. Die Erderwärmung mit ihrem Klimaeinfluss mag der Grund sein, dass sie seit wenigen Jahren  auch in die höher gelegenen Gebiete im Süden kommt. Gefährdet ist sie ohnehin nicht, aber im 5seenland wird sie dort, wo sie neuerdings vorkommt, meist übersehen. Seit etwa 10 Jahren besiedelt sie den etwa 577 m hoch gelegenen Wald bei Dießen am Ammersee, nahe Weilheim und in anderen Gebieten südwärts vom Ammersee. Allgemein bevorzugt sie hier den Auwald.

Nachdem sie in Deutschland lange Zeit auffallend zurückgegangen war, ist sie jetzt wieder auf dem Vormarsch und nimmt zu. Der Grund kann nur die erwähnte Klimaveränderung sein.

Negativen Einfluss hatten die Habitatzerstörungen. Die Nachtigall mag den Holzackerbau im Nadelwald absolut nicht, Gebüsch und an Unterholz reichen Auwald schätzt sie um so mehr. Werden aber die Hecken gerodet oder wird im Wald die Strauchschicht entfernt, wandert sie ab. Eine Katastrophe aber bedeutet es, wenn ein vielstufiger Waldrandaufbau von einem rückständigen Forstmann gerodet wird. Das gilt nicht nur für die Nachtigall, es bedeutet das Ende für fast alle Singvogelarten. Wir hatten geglaubt, dass diese rücksichtslose Umweltzerstörung überholt ist, mussten es aber erst neuerdings vor der Haustüre im nahe gelegenen Wald miterleben. Auch Rotkehlchen, Laubsänger, Grasmücken und Goldammern werden auf diese Weise vertrieben. Wir zeigen mit dem Finger auf die Italiener, weil sie unsere Nachtigall essen. In einem ist man aber in Italien uns voraus, man zerstört keine Biotope, und darum singt dort die Nachtigall überall. Nachtigallen sind Gesangesfürsten.


Zu uns kehren sie im April schon zurück, zusammen mit den Rotschwänzchenarten. Haus- und Gartenrotschwanz aber fallen uns mehr auf als die Nachtigall, die so unscheinbar ist, dass man sie meist übersieht. Männchen und Weibchen sind voneinander nicht zu unterscheiden. Wenn sie nicht singt, hält sie mancher für einen Spatzen. Eher ist sie noch trister als der doch recht bunte Spatz gefärbt, und in der Größe bringt sie gerade 30 g auf die Waage.
Geschlechtsreif wird sie  nach einem Jahr. Kaum zurück, beginnt sie ihr Revier nach der 2. April-Hälfte zu verteidigen oder mit dem Gesang abzugrenzen.


 

Doch brütet sie nicht nur im Gebüsch, sondern auch in Brennnesselfeldern. Wer diese Brennnesseln aus falsch verstandenem Ordnungssinn abmäht, vertreibt nicht nur  die Nachtigall, sondern auch den Sumpfrohrsänger und etliche andere Vogelarten,  außerdem eine Handvoll Schmetterlingsarten, deren Raupen ebenfalls von den Vögeln gefressen werden. Drei Tage braucht sie, um das Nest kunstvoll zu flechten. Ebenso wie bei den anderen Vogelarten dieser Größe dauert die Bebrütung der olivfarbenen Eier etwa 16 Tage und bis sie flügge werden, sind weitere 2 Wochen vorbei. In klimatisch günstigen Lagen folgt dann noch eine 2. Brut. Die Nachtigall ist ein Vogel, der im Herbst in den Süden fliegt, also alle Gefahren eines Zugs auf sich nimmt und damit eine hohe Mortalitätsrate hat. Sie ist auch einer der wenigen Vogelarten, die im Winterquartier ebenfalls singen. Dann allerdings nur tagsüber. Bei uns singt sie schwerpunktmäßig den ganzen Mai, abends  in der Regel zwischen 17 und 19 Uhr, morgens aber vom Sonnenaufgang an. Wohlgemerkt: Nicht jede Nachtigall singt die ganze Nacht. Es sind nur einzelne. Beim Singen verbeugen sie sich zuweilen gegen Artgenossen oder trippeln, lassen die Flügel hängen oder spreizen den Schwanz wie ein Auerhahn. Das Imponiergehabe an der Reviergrenze sichert das engere Brutrevier vor allem auch gegen die Nahrungskonkurrenz durch andere Nachtigallen.


Gegenüber großen Feinden wird der so romantische Sänger zuweilen zu einer kleinen  Bestie. Genauso, wie wir es auch vom Rotkehlchen kennen, das bei Revierkämpfen auch mal einen Artgenossen umbringt. Das Futter der Nachtigall  besteht aus allen Insekten, die sie überwältigen kann. Aber sie nimmt auch anderes. Als Weichfutter, vor allem aber Beerenarten, wie Liguster, Heidelbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Walderdbeeren, die in jedem gesunden Wald reichlich vorhanden sein sollten. Das ist bei vielstufigem Waldrandaufbau durch einen Waldsaum als Hecke, die Regel. Vogelstellerei gibt es wenigstens bei uns nicht mehr und auch in Italien wird sie bald der Vergangenheit angehören. So dürfen wir trotz spärlicher Bestände im Norden sicher damit rechnen, dass sich diese Art im 5seenland weiter ausbreiten wird. Zu überhören ist sie wenigstens nicht.


 

Wolfgang Alexander Bajohr