Wald: Der riesengroße Schwarzspecht trommelt den Frühling ein -
 Rot lodert der Feuerkopf des Waldzimmermeisters
 von Wolfgang Alexander Bajohr

  Winter ade im Sturmgebraus
Gestern noch fuhr der Sturm durch die Äste, packte mit Urgewalt selbst mächtige alte Randfichten und drehte sie einfach ab. Schneegestöber peitscht durch die kahlen Kronen im Laubwald und schleift in langen weißen Fahnen Schleppen über die Lichtungen. Im Kiefern- und Fichtenwald wirbelt er Nadeln durch die Luft, fährt in braunes krispelndes Dürrlaub und treibt alles vermengt mit Flechten und Moosen, grünen Zweigspitzen und Zapfen vor sich her. Geisterhaften Schemen gleich stehen die Bäume graugrün im tobenden Gestöber, das wie Dunst den Wald verschleiert. Er heult bald orgelnd, bald pfeifend ein tolles Lied, das klingt wie Wotans wilde wütende Jagd mit tollen Hunden.

Immer wieder beginnt einer der hohen Stämme zu zittern, wenn er sich peitschend biegt im Nachwintersturm, und dann senkt er sich erst langsam und dann immer schneller, bis er donnernd im dumpfen Aufprall zu Boden stürzt. Ganze Gassen schlägt der Sturm in den Wald, und die Bäume liegen oft kreuz und quer. Dazwischen gibt es solche, denen er die ganze Krone weit von dannen fliegen lässt, wenn er sie einfach auf halber Höhe abgedreht hat. Als Symbol seiner Kräfte bleibt bei sehr starken Stämmen zuweilen eine gesplitterte Ruine stehen, und sieht man genau hin, dann war dieser Baumgreis krank. Sein Torso ist es, der für den Schwarzspecht wertvoll wird, aber als Nutzholz nicht zu gebrauchen ist. Man muss es nur über sich bringen, dass ein Wald erst dann schön ist, wenn er nicht perfekt aufgeräumt wird, weil viele Tiere davon profitieren.

Gegen Morgen hat der Sturm sich ausgetobt. Nebel wallen durch den Wald und bringen Kälte mit, die letzte Altschneesulzflecken zu Harsch erstarren lässt. Als der Dunst sich legt, ist auch jede Nadel und jedes Zweiglein mit glitzerndem Raureif überzogen. Wie Silber schimmern Gräser und Äste, jede Brombeerranke und Dürrstaude ist überzuckert, und die Birken biegen sich unter der Last dieser Pracht. Die gelben Haselkätzchen und die roten der Erlen sind weiß, und auf jedem Härchen der Weidenkätzchen glitzert es, bis die aufsteigende Sonne alles rasch zerfließen lässt, als sie Raureif und Frost aus dem Walde vertreibt.

Die Tiere des Waldes hatten sich in der stürmischen Nacht im undurchdringlichen Dickicht verborgen oder in ihren Höhlen. Jetzt treten zwei Rehe am Waldrand in der wärmenden Sonne hin- und her, lassen sich die dampfende Decke trocknen und äsen vom ersten Grün. Weil auch Rötelmäuse erscheinen, um Knospen und Rinde nagend zu naschen, kommt Reineke Rotfuchs aus seinem Bau und jagt. Das Nest der Kreuzschnäbel hat standgehalten, sie füttern in den Fichtenkronen ihre Jungen. Rundum wispern Goldhähnchen und Haubenmeisen. Tannen- und Kohlmeisen beginnen ihr zaghaftes Frühlingsläuten. Schwanz- und Weidenmeise locken im Moor.


Der Schwarzspecht ist dem Lenz begegnet

Auf einmal klingt es klar und laut aus dem Altholzbestand "Kliäh, kliäh" und noch einmal "Kliäh", "Klüht, klüht" und schließlich beginnt der Vogel zu trillern "Priehtpriehtpriehtpriehtprieht". All das sind Rufe, die ganz zauberhaft immer wieder durch den stillen Vorfrühlingswald klingen. Jetzt fliegt ein Schwarzspecht über den Schlag. Der große Waldzimmermann trägt ein feuerrot loderndes Käppchen, hat einen hellgrauen Schnabel und hellgelbe durchdringend blickende Augen. Seinen trillernden Regenruf schreit der mächtige Vogel meist im Flug. Er flattert nicht so ruckartig mit auf- und absteigenden Flugstößen wie andere Spechte, sondern mehr zielgerichtet geradeaus in sanften Wellen über die Freiflächen. Sein Flug erinnert mehr an einen Eichelhäher. Mit den Flügeln schlägt er so kraftvoll, dass sich die Schwungfedern an den Spitzen biegen, und die Wucht seiner Flügelschläge ist wummernd zu hören wie bei einem Kiebitz.


 

Von allen Spechten ist er der größte, fast einen halben Meter lang, und mit 75 cm Flügelspannweite ein gewaltiger Vogel. Wo er am Stamm sitzt und hämmert, fliegen die Fetzen und sein rotes Käppchen, beim Weibchen ein Krönchen, leuchtet weithin als ein Signal. Seine dunkle, fast schwarze Farbe gibt ihm etwas Bedeutsames. Über Freiflächen fliegt er weiter als andere Spechte und scheut sich auch nicht mehrere Kilometer Ackerland zu überfliegen, um von einem Waldstück in ein anderes zu kommen. So konnte er seine alten Lebensräume rasch wiederbesiedeln, als er geschützt wurde. Zeitweise hatte man seine Löcher in den Bäumen nicht toleriert und ihn als "Waldschädling" abgeschossen. Weil man damals aber den Mageninhalt untersucht hat, weiß man heute ganz genau, was seine Nahrung ist, und dass er ein Glied im Lebensraum Wald ist, das man beinahe ausgerottet hatte.

Wenn er einen Stamm anfliegt, hinauf- oder herab hüpft, schlägt er dabei die nadelspitzen langen Krallen an den grauen Füßen in die Rinde, dass es weithin hörbar "klackklack, klackklack" macht. Seine Nächte verbringt er in alten Bruthöhlen oder in eigens gezimmerten Schlafhöhlen. Sie sind ein Segen für alle Vogelarten und Tiere, die solche Höhlen dringend brauchen. Das sind Schellente und Rauhfußkauz, Sperlingskauz und Hohltaube, verschiedene Fledermausarten, Siebenschläfer und Haselmäuse. Aber auch deren Jäger, der Baummarder weiß Schwarzspechthöhlen zu schätzen. Den Sturm haben Schwarzspecht und alle seine Gäste in solchen Höhlen verbracht. Die setzen aber immer voraus, dass es genügend Baumstämme in passender Stärke in Altholzbeständen gibt, in die Höhlen hineinpassen. Wo die Umtriebszeit des Waldes zu kurz ist und geringe Stamm-Stärken geerntet werden, die Bäume also nicht alt genug werden, stirbt der Schwarzspecht aus und mit ihm alle seine Gäste. Im naturnahen Wald findet er was er braucht, Ruhe und starke Stämme. Urwald ist im Wirtschaftswald selten, aber wo man heute bewusst Baumruinen auf den Schlägen stehen lässt, hat der Schwarzspecht Ersatzlebensräume, die er sofort annimmt, um seine Höhle zu bauen, die einen Innen-Durchmesser von 15 cm brauchen und den Stamm doch nicht schwächen sollen.

Vom Borkenkäfer profitieren alle Schwarzspechte, doch sind das mehr als sie und andere Spechtarten vertilgen können. Dabei fliegt auch der große Schwarzspecht oft ganz dünne Bäumchen an, dass man fast fürchtet, der Stamm bricht unter der Last des großen Vogels. Aber auch wenn er eine dicke Fichte anfliegt, um die Rinde abzuhacken, macht er erst einmal einen gehörigen Krach. Er stützt sich mit dem Schwanz ab und hackt drauflos. Bald fliegen die großen Rindenstücken nur so herab. Feurig zuckt das rote Köpfchen, der hellgraue Schnabel blitzt und wenn ein handtellergroßes Stück Rinde nach einem Hieb links oder rechts davonfliegt, fährt erst einmal die lange mit Widerhaken bedeckte klebrige Zunge vor, um reihenweise die Borkenkäfer und ihre Brut aus den Gängen zu sammeln. Er ist oft so beharrlich und emsig dabei, dass er Meter um Meter den ganzen Stamm toter Bäume von der Rinde befreit, bis sie ganz kahl dastehen. Borkenkäfer halten im sterbenden Wald Nachlese und der Schwarzspecht bei ihnen. Aber er vertilgt auch viele andere Käfer und deren Larven, die der Mensch zu den Forstschädlingen zählt.
Unstet und als Einsiedler streifen Schwarzspechte das Jahr über durch ihr Waldrevier. Sie sind nirgends häufig, aber sie fallen auf, wenn sie lachen und trillern, rufen und locken. Wer ihre Laute zu deuten weiß, erkennt, dass er in unserem Landkreis zwar nicht häufig, aber doch in jedem geeigneten Wald lebt. Er spürt überall das Geziefer auf unter der Rinde oder tief im Holz der Bäume. Da findet er tief im Eichenstamm die nagenden Engerlinge der Bockkäfer, in der vom Blitz gefällten Birke im Mulm die Mehlwürmer.


 

Oft meißelt er tiefe Löcher in die Stämme, dass die Späne fliegen. Er findet die Larven der großen Schlupfwespen und großen Holzkäfer auch dann, wenn sie tief im Holz sitzen. Er höhlt auch einen rotfaulen Stamm ganz aus, wenn er eine Schlafhöhle will. Bevorzugter Höhlenbaum ist aber die Rotbuche und hier liegt die Höhle hoch am Stamm, stets dicht unterhalb des ersten großen Astes. In die Rinde der Laubhölzer schlägt er auch gerne hoch oben Ringelspuren, damit Baumsaft austritt, den schleckt er dann als süßen Meth. Doch auch im Winter leidet er keine Not, hackt sich durch Harsch und Schnee bis in die Ameisenburg, die er vom Sommer her kennt. Gegenwehr nutzt den großen Ameisen gar nichts, denn er stört sich nicht am Zwicken und Spritzen der erbosten Tiere. Es ist ihm nur recht, wenn sie ihn eineimsen mit Ameisensäure, denn das vertreibt seine Parasiten. Für ihn wird es zum Fest, wenn Ameisen Larven und Puppen in der Sonne wärmen. Er schleckt Sommer und Winter auch die schneidigsten Ameisen-Soldaten mit seiner klebrigen Zunge auf, und füllt seinen Magen mit dem bissigen Krabbelvolk.


Frühlingsgefühle mit Trommelmusik

Am Morgen trägt sanfter Windhauch aus Moor und Latschenwald das Kullern der Birkhähne herüber. Sie tanzen, rodeln und fauchen auch bei Sturm oder Schnee und singen jetzt den Frühling ein. Wenn sie der Schwarzspecht hört, wird er ganz unruhig. Er schreit gleich dreimal "kliäh, kliäh, kliäh" und "Klüht, klüht", trillert dauernd seinen Regenruf "Priehtpriehtpriehtprieht" und schickt ein gellendes "Quickquickquick" hinterher. Er ist die Zeit der Einsiedelei satt und hofft, dass ihn ein Weibchen hört. Doch dann fällt ihm ein, dass es wohl etwas Besseres gibt, um sie von weit her anzulocken, das ist sein Trommler. Darum fliegt er auf die hohe Eiche zu seinem Lieblingsplatz. Ein dicker Ast steht da, dürr und wie eine Hornzacke ragt er in den Himmel. Da hängt er sich dran und haut drauflos. Er schlägt so kräftig zu, dass man den Trommelwirbel gleich eine halbe Stunde weit hört. Die Trommler der Schwarzspechte sind weit kräftiger und weiter zu hören, als die aller anderen Spechte. Noch immer schreibt es einer vom anderen ab, dass Spechte durch ihre Trommler die Äste in Schwingung versetzen und damit knarren lassen. Doch das ist falsch. Ich habe ihnen viel zu oft zugeschaut und weiß eindeutig, dass nicht der Ast knarrt, sondern der Specht blitzschnell drauflos haut. Und da ein Schwarzspecht fast immer satt und übermütig ist und viel Kraft hat, schlägt er besonders kräftig drauflos und schreit zwischendrin "kliäh, kliäh". So hört ihn denn schließlich auch seine Braut und eilt herbei.

Sie gleicht ihm fast aufs Haar, nur statt des roten Käppchens hat sie ein kleines rotes Krönchen. Den ganzen Herbst und Winter über war auch sie alleine unterwegs und hat ihr Riesenrevier durchstreift. Auch im kältesten Winter hat sie niemals Not gelitten, weil im Holz der Bäume eine Überfülle an Nahrung lockt. Jetzt aber ist der Frühling beiden in die Glieder gefahren. Rundum rührt er sich bei allen Vögeln. Auch die Singdrossel ist zurück und singt ihr "Philipp, philipp", "Wäwädwädwädwäd" schreit der Wendehals aus einem alten Schwarzspechtloch, die Rotkehlchen spinnen Silberliedchen, und der Wald ist bunt geworden. Im Seeholz läuten Abertausende Märzenbecher, gelbe Himmelschlüssel, Sternchen der Anemonen, violetter Lerchensporn und blaues Lungenkraut, aus den Hasel- und Erlenkätzchen staubt es und die Silberkätzchen der Weiden werden gelb, verführen die Bienen und die Luft ist voller kleiner blattgrüner Schmetterlinge, den Brombeerzipfelfaltern. Im Sumpf leuchtet goldgelb die Sumpfdotterblume, am Waldrand violett die Veilchen. In der Hecke waren Kornelkirschen die Vorreiter. Schneewolken gleich folgen die Schlehen. Bald schmücken sich Wildkirschen und Holzbirnen.


Der Schwarzspecht hat gerufen und getrommelt, bis er seine Braut wieder gefunden hat. Die beiden großen schwarzen Vögel fliegen jetzt immer zu zweit. Er sagt ihr, dass sie ein bezauberndes rotes Krönchen hat und sie bewundert seine schönen gelben Augen. Das macht sie beide rein verrückt, und sie sucht schon nach einem Platz für die Höhle ganz hoch oben in einem glatten Buchenstamm. Kommt er ihr zu nahe, lässt sie sich einfach fallen, breitet die Flügel aus wie ein Fallschirm und fliegt nach dem senkrechten Sturz eine Schleife und hakt ein Stück weiter unten am Stamm an. Vater Specht meint dazu "kliäh, kliäh" ruft auch noch "priehpriehprieh". Wenn sie nebeneinander huschen, sieht sein Käppchen und ihr Krönchen aus, als ob Flammen durch die Wipfel huschen. Sie landen bald in der weißen Birke, in der grauen Buche, in der dunklen Eiche, blocken an den rauen Kiefern, im dunklen Tann der Fichten, denn Schwarzspechte sind in jedem Wald zu Hause, wenn er nur alt genug ist. Anfang April hat er sie mürbe gemacht und erhascht sie.


 

Mit Flügelgeflatter, schrillen Rufen und Trillern erfreut sich das Schwarzspechtpaar seiner Liebe. Sie erfüllen den sonst so stillen urigen Waldort mit Getriller, Glockenrufen, Getümmel und Gelächter. Ist sie müde oder bereit, sitzt sie auf einem Ast und beginnt zu schnurren. Da fliegt er auf die Gegenseite des Stammes, weil er wohl meint, dass die Resonanz gut ist und haut drauflos, das es klingt wie "Errrerrrerr" und das rote Käppchen zuckt dazu hin und her. Auf ihr erneutes Schnurren antwortet er "kliäh, klück, klück" und seine Begattung folgt.

Schon Anfang April haben sie sich auch auf den Nistbaum geeinigt. Sie wählen dafür den dicken Stamm des in der Mitte abgebrochenen Überhälters auf dem Schlag. Der Stamm ist der dickste weit und breit, und da er mitten und frei auf dem Schlag steht, ist die Fernsicht gegen Feinde weit und gut. Dass der Baum kernfaul ist, erleichtert die Arbeit hier, aber sie würden auch in gesunden oder Hartholzstämmen zimmern. Dort, wo das Weibchen die Einflugöffnung nach Südosten festlegt, fängt sie auch gleich selber mit der Arbeit an und meißelt mit dem Schnabel erst einmal das ovale Einflugloch bis es die passende Größe zum Durchschlüpfen hat. Das Aushöhlen des Stammes ist für die Vögel Schwerstarbeit, und sie wechseln sich ab. Es ist nicht genügend Raum da, um für die Schläge weit auszuholen. Besonders am Anfang ist für den Schlaghieb nur 2 cm Hub möglich. Die kurzen Schläge lösen nur kleine Späne, die sie hinauswerfen. Haben sie drinnen genug Raum gewonnen, reißen sie auch Späne bis 15 cm Länge ab und schleudern sie hinaus. Sie arbeitet meist vormittags, er nachmittags an der Höhle, denn zwischendrin müssen sie ja auch Futter suchen. Unter dem Baum liegen jetzt viele Späne, und es dauert etwa 2 Wochen, bis gegen Mitte April die Höhle fertig ist. Sie reicht einen halben Meter tief birnenförmig nach unten in den Stamm und hat an der weitesten Stelle 15 cm Durchmesser. Die Wände sind wie glatt geraspelt und der halbrunde Boden ist mit feinen Spänen gepolstert. Bei uns liegen diese Höhlen oft 20 m hoch, zu weit also für gute Tierfotos.

Wenn ich ihnen so bei der Arbeit zusehe, fällt mir ein Märchen aus meiner Kinderzeit ein. Da hat ein Mann einem Schwarzspecht einen Holzpflock in den Eingang der Höhle geklopft und sich mit dem roten Mantel eines Henkers auf die Lauer gelegt. Da der Schwarzspecht aber ein Zaubervogel ist, was man ihm auch ansieht, ist er in das Land Nirgendwo geflogen und hat sich eine Springwurzel geholt, um mit dieser Zauberwurzel die Höhle wieder zu öffnen. Als er damit zum Eingang geflogen kam, hat der Mann den Mantel geschwenkt, und der Specht hat vor Schreck die Springwurzel fallen lassen, weil er den Mantel für Feuer gehalten hat. Der Mann hat die Zauberwurzel aufgehoben und hat damit das Versteck verborgener Schätze öffnen können.


 


Bis Mitte April, Anfang Mai liegen auf dem Grund der Höhle 3-4, zuweilen auch bis zu 6 weiße porzellanschalige glänzende Eier von 26x35 mm Größe. Noch ehe das Gelege vollständig ist, beginnt sie zu brüten und braucht dann 12-14 Tage. Im Alter von 4 Wochen fliegen die Jungen aus und werden dann noch bis zu 2 Monate geführt.
Es macht dem Schwarzspecht viel Mühe diese Höhle zu bauen, und es gibt nicht genügend Bäume in geeigneter Stärke. So nutzen sie es oft mehrere Jahre und später noch als Schlafhöhle. Nur in Urwäldern zimmern sie jährlich eine neue Höhle. Jene, die so niedrig liegt, dass ich gut fotografieren kann, haben mir die Spechte selber verraten. Da sie sich beim Brüten ständig ablösen, kann es sein, dass es dem brütenden Vogel langweilig wird. So beginnt er innen zu pochen, um den Partner zu rufen. Weil man dieses Pochen viele 100 Meter weit hört, habe ich es vernommen und die richtigen Schlüsse gezogen. Ich habe sie erst einmal ohne Kamera beobachtet. Dabei habe ich erstaunt entdeckt, wie vertraut diese Vögel in Schweden sind, so dass ich kein Versteck bauen muss, sondern einfach offen am Boden auf einen Baumstumpf sitzen kann.


Das Flugloch liegt günstig niedrig, denn auf nur 7 m Entfernung muss ich einstellen. Anfangs habe ich auch noch einen Trick probiert. Denn alle Höhlenbrüter fürchten den Baummarder. Meist genügt es leise an der Rinde des Stammes zu kratzen, so als ob ein Marder klettert. Nicht lautes Klopfen, sondern jenes leise Kratzen ist verdächtig, und ich habe die Kamera gar nicht so schnell in Stellung bringen können, wie der Schwarzspecht aus der Höhle lugte. Kaum gekratzt, erscheint schon der scharfe Schnabel, gefolgt von dem Kopf mit dem roten Käppchen und den hellgelben Augen. Solange er meinen Trick noch nicht durchschaut hat, ist er gleich darauf ganz herausgekommen und hat sich in die Luft fallen lassen. Gleich fliegt er auf den Baum nebenan, klettert im Kreise hüpfend hoch und höher und streicht ein Stück weiter zum nächsten Baum, klettert auch dort wieder nach oben, ehe er noch einen Baum weiterfliegt, wo sich alles wiederholt. Er ruft zweimal "kliäh, kliäh", schlägt bei jedem Hüpfer mit dem Schnabel an den Stamm und schreit abermals.  Er ruft anders als sonst, kurz und abgehackt, als ob er ratlos oder zornig ist und vom Waldrand hallt es wider. Dann fliegt er "priehpriehprieh" zum nächsten Stamm. Das wiederholt sich etliche Male, bis er wieder auf der Kiefer nebenan am Quellsumpf sitzt, also ganz nahe am Hang unter mir. Ich weiß also, dass er gleich zur Höhle zurückkommt. Und richtig, er landet am Brutbaum, doch nicht an der Höhle, sondern dahinter. Wie beim Versteckspiel schaut er mal rechts, mal links von hinten hervor, hält mich offenbar aber nicht für bedrohlich, weil ich ganz still sitze und voll beschäftigt bin mit Scharfstellen und Kamera auslösen. Aber es reicht nur für 2 oder 3 Aufnahmen, so schnell schlüpft er mit dem Kopf voraus in die Höhle zurück.

Ganz anders verhalten sich beide bei der Brutablösung. Das abzuwarten erfordert viel Geduld und klappt am schnellsten morgens. Noch ehe ein Specht erscheint, singt nebenan auf der Kiefer der im Steilflug aufsteigende Baumpieper, ein Trauerfliegenschnäpper mustert die Höhle und findet sie besetzt. Auf einer Moorlatsche singt das Rotkehlchen. Ein Trauermantel flattert vorüber. Da höre ich aus der Höhle wieder dieses leise Pochen, wie am Tag als ich die Höhle fand. Erst klopft es kaum hörbar, dann kräftiger, lauter, drängender. Doch der Partner muss in der Nähe sein, um es zu hören. Vom Waldrand her vernehme ich seinen Ruf "kliäh, kliäh". Er kommt, fliegt wieder von einem Dürrbaum zum nächsten, hangelt sich hoch, klopft, ruft, und wenn er auf die nächste Warte übersetzt, trillert er in der Luft. Im Flug wirkt er immer etwas bucklig. Wenn er herüber streicht, fliegt er erst einmal an der Höhle vorbei, einen Bogen auf die Moorkiefer und fliegt auch von dort her immer mit einem Bogen an, dicht an meinem Kopf vorbei, und mustert mich aus der Luft mit schief gestelltem Kopf. Das Männchen ist grundsätzlich überzeugt, dass ich ungefährlich bin, das Weibchen ist etwas misstrauischer und fliegt manchmal zwei Bogen um mich herum. Nie landen sie sofort am Loch, sondern immer am Stamm dahinter, um dann herumzuhüpfen, da ja stets der noch brütende Vogel erst heraus muss. Der Angeflogene lugt links, dann rechts hinter dem Stamm vor und sagt "ja quieht, ja quieht" und noch einmal lauter und überzeugender "ja quieht, ja quieht". Und dann klopft auch er leise am Stamm, und von drinnen kommt klopfend Antwort. Er rutscht erneut vor das Loch und blickt in die Höhle, wo die abzulösende Frau wohl bleibt und sagt noch einmal zärtlich "ja quieht, ja quieht". Und als sie erneut nur leise von drinnen pocht, rutscht er noch einmal hinter den Stamm, ruft kräftig "Kliäh, kliäh" und pocht energischer von außen. Er kommt wieder an das Loch und schaut in die Höhle. Ich habe all das wieder und wieder fotografiert.

Auf einmal schaut sie aus dem Eingang, deutlich zu erkennen am kleinen roten Krönchen. Doch schließlich schneller, als ich es erfassen kann, rutscht sie ganz aus dem Loch und lässt sich nach vorne in den Abgrund fallen, um etwas bucklig davon zu gleiten zur Kiefer nebenan. Sie ist wohl etwas steif vom langen Sitzen. Er hakt vor dem Loch, überlegt und lässt mir viel zu wenig Zeit für viele Bilder. Schon taucht er, den Kopf voran, im Loch ab und zieht den langen Schwanz langsam nach. Den darf er ja nicht verbiegen, weil er wichtig ist als Stütze am Stamm. Wie er innen alles zurechtsortiert, bleibt ein Rätsel. Er muss nur eine gute Stunde brüten, dann kommt sie schon zurück. Sie hat wohl getrunken, sich an einer Ameisenburg rasch satt gegessen, bevor sie von Dürrbaum zu Dürrbaum näher kommt. Sie hangelt an der Moorkiefer hoch und klopft gegen die Rinde. Sie ist sehr schnell am Loch, wartet nicht erst auf sein Erscheinen und begehrt heftig quiekend und pochend Einlass und ruft das schon bekannte "ja quieht, ja quieht". Als er nicht zurückpocht, quiekt sie energischer, bis er doch herauskommt, sich aus dem Loch fallen lässt und zur Kiefer hinüber schwingt. Sie ist hartnäckiger mit dem Brüten, und das wiederholt sich jeden Tag, denn nächstes Mal kommt das Männchen erst nach 2-3 Stunden zurück, und dann ist die Sonne soweit herumgewandert, dass ich nur noch Gegenlicht habe. Also sind am besten die frühen Morgenstunden, in denen sich der Zeitablauf der Ablösung etwa gleich wiederholt. Sie bleibt immer nur eine Stunde weg.

Am 15. Mai ist es soweit, die 14 Tage Brutzeit sind um. Vater Schwarzspecht scheint begeistert zu sein. Als ich aus dem Wald auf den Schlag trete, empfängt mich Vater Schwarzspecht schon am Waldrand und begleitet mich bis zum Baum. Es dauert immer lange mit der schweren Ausrüstung über Astgewirr und die Fahrspuren der schweren Forstfahrzeuge zu stolpern. Er spürt wohl, dass ich ihn mag, und wir haben uns aneinander gewöhnt. In der Höhle summt es wie in einer Spieluhr "Datteradatt, datteradat, datteradat, datteradat". Doch jetzt fliegt auch das Weibchen an, und beide Altvögel sind draußen. Er schlüpft hinein und sie lockt mit seltsam hoher Stimme "Plienten, plienten, plienten". Als er herauskommt, schlüpft Mama Specht gleich hinein und wieder geht es drinnen "Datteradatt, datteradatt, datteradatt". Aber auch ganz hell "hoh, hoh, hoh". Das Wetter ist schlecht geworden, und auch die Zeit meiner Anwesenheit geht zu Ende. Aus der Ferne trägt der Wind den Balzgesang der Ringeltauben herüber, Fetzen der letzten Balzarien der Birkhähne. Ich nehme Abschied, denn ich kann die Zeit der Jungenaufzucht nicht mehr miterleben. Das wird 4 Wochen dauern, bis die Jungen ausfliegen und weitere 1-2 Monate werden sie von den Eltern noch geführt, also bis Mitte August. Dann trennen sich die Wege der Schwarzspechtfamilie und alle werden Einsiedler sein bis zum nächsten Frühling. Vater Schwarzspecht wird in der Nähe der Bruthöhle bleiben am großen Schlag neben dem Moor, denn das ist sein Revier. Der Einsiedler vom großen Schlag wird aber keine anderen Schwarzspechte hier dulden, auch sein Weibchen und seine Kinder nicht. Jeder wird umherfliegen und sich ein eigenes Streifgebiet suchen. Im zeitigen Vorfrühling aber wird lautes Rufen und der Trommelwirbel die Schwarzspechtpaare wieder zusammenführen.

Als ich am letzten Abend von den Vögeln scheide, hockt der Schwarzspecht noch einmal hoch im Wipfel der Moorkiefer. Er trillert, "krückkrückkrück" und sein Ruf klingt wie eine Märchenglocke durch den Wald Glück verheißend, und im Licht der sinkenden rotgoldenen Sonne glüht noch einmal die rote Kappe auf, wie in einem außerirdischen Feuer.