Wald: Tatort Wald oder Sehnsucht nach Wildnis?
Urwalderlebnis im Nationalpark Bayerischer Wald

Ganz so einfach ist es leider nicht, wie manche meinen. Weder sind die Jäger Schuld am beklagten Niedergang der Forstwirtschaft. Noch lässt sich die Sehnsucht der Stadtbürger nach „unserem wilden Wald“ auf das grüne Drittel des Landes, also auf alle bayerischen Wälder übertragen. Eines allerdings erwarten alle Freunde einer wilden Natur zu Recht: eben dass sie diese Sehnsucht wenigstens in einem Nationalpark erfüllen können.


Unser Verlangen nach Waldwildnis  ist überwältigend geworden, seit wir Menschen zunehmend in Städten leben. Am einfachsten erfüllen wir unsere Sehnsucht dort, wo wir wirklich wilden Tieren begegnen können. Uns genügen nicht die kreuz und quer am Boden liegenden Bäume in den echten oder nachempfundenen Urwäldern, wenn mittendrin nicht auf einmal ein Bär steht. Erst das macht Wildnis vollkommen, wenn wilde Tiere sie als pure Wildnis offenbaren.

Wo wir Wolf und Luchs begegnen können, da ist für uns Natur und Wildnis. Allerdings verkörpert der Wolf für viele die Angst des Menschen vor der Wildnis. Mythos und Hoffnung zugleich verspricht der große braune Bär, Orso Bruno, wie er in Italien heißt, ist das begehrte Symboltier dieser Wildnis. Denn die Wildnis ist so wie er, schön und ein wenig schrecklich zugleich.

„Wehe“, aber schreien manche, wenn dieser Bär sich an Haustieren der Menschen vergreift. Obwohl er sich dann so verhält wie ein ganz normaler Bär, dem man das Futter weggeschossen hat. Denn die Menschen waren es, die dafür sorgen, dass er kein Aas im Walde findet. Angesichts eines „Tatortes Wald“ blicken sie nicht durch, was Wildnis bedeutet. Ohne nachzudenken nehmen Sie, um einer Idee willen, den wilden Tieren des Waldes das Futter weg und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Denn der Wald, den sie meinen, ist in Wirklichkeit ein:


Wirtschaftswald

Forstleute neigen zuweilen dazu, den Schwarzen Peter für Schäden an ihrem Betriebsziel Wirtschaftswald dem Jäger anzulasten. Sie werfen ihm vor, dass er sich um der Trophäe willen am Walde vergreift.
Jahrtausende war unser Land von Urwäldern bedeckt. Sie entstanden, wuchsen und vergingen alleine nach den Gesetzen der Natur. Weder der Bauer noch der Förster haben diese Wälder nennenswert genutzt.



Doch wer sie vernichtete und niederbrannte, um Acker- und Weideland zu gewinnen, der war der Held des Tages. Schließlich hat man das Holz auf sehr vielfältige Weise genutzt und hat endlich auch Raubbau betrieben, bis die Holznot übermächtig wurde. Da hat man dann von runden 250 Jahren den Förster erfunden und ihm den Wald anvertraut. Und er pflanzte einen Wald so wie er halt meinte, denn er hatte ja keine Erfahrung damit. Im Bayerischen Wald hat der Förster gar erst vor 150 Jahren Einzug gehalten. Wir wollen ihnen die Mängel mancher Wälder daher auch gar nicht vorwerfen.

Immerhin ist heute noch ein gutes Drittel von Bayern mit Wald bedeckt. Auf runden 2,5 Millionen ha liefern die Wirtschaftswälder den Menschen den ständig nachwachsenden Rohstoff Holz. Um wirtschaftlich zu sein und um liefern zu können, haben die Förster diese Wälder verändert. Es stehen mehr Stämme auf einer Fläche als es natürlich ist. Es stehen dort nicht viele, sondern nur eine Baumart, eng und hoch aufgeschossen. Diese Wälder sind eigentlich Holzäcker, und diese Monokulturen sind meist eintönig und auch noch gleich alt.

Beim Holzackerbau ist Wild zuweilen ein Störfaktor und Schädling und wer dieses Wild schützt hegt oder seinerseits züchtet, der ist für viele Förster unerwünscht. Sie würden diese Jäger und deren Wild gerne aus dem Wald vertreiben. So wurde „Wald vor Wild“ der Jäger für sie zum Täter und der Wald zum Tatort. 

Gäbe es die Trophäe nicht, die ja eigentlich nur Erinnerungsstück ist, dann würde es neben dem Jäger immer noch Menschen geben, denen der aufgefressene Wald wurscht ist, denn die meisten Menschen würden gerne das Wild erhalten. Denn Ökologisch ist es keinesfalls, den Blick alleine auf den Wirtschaftswald zu werfen und die Ökologie dafür anzufordern. Sicher gibt es auch viele Kompromisse, die sich naturnahe Waldwirtschaft nennen, denn Naturwald sind diese Wirtschaftswälder meistens nicht, denn


Naturwald ist Urwald

Natur ist für viele von uns sinnvoll, aber auch wir nehmen im Naturwald nicht gerne Rücksicht auf die Wirtschaftsinteressen. Denn Natur ist Werden und Vergehen. Natur ist Leben und Sterben ohne Einfluss der Menschen. Weder der Wald noch das Wild brauchen hierbei den Menschen. Sie brauchen ihn weder zum Leben noch zum Sterben. Sie brauchen keine Förster, und sie brauchen den Jäger nicht, am wenigsten aber wollen sie das, was er „Hege“ nennt.



Die mächtigen Tannen sind mehr als 50 Meter hoch und haben einen Durchmesser von rund 2 Metern. Sie scheinen für die Ewigkeit im Wald zu stehen, aber irgendwann, nach 500 oder auch 600 Jahren ist auch das Leben von diesen Riesen vorbei, deren Leben als Keimling etwa um das Jahr 1400 begonnen hatte, lange ehe es eine Forstwirtschaft gab, als noch Wisent und Auerochse, Elche, Wildpferde, Hirsche und Rehe ungestraft den Wald zusammenfressen durften. Vielleicht waren damals sogar die Lichtungen im Wald größer als heute. Ganz sicher war dieser Wald aber auch damals schon ein Urwald, den die Menschen mieden. Sie haben ihn aber gelassen wie er war, denn dass er im Grenzgebiet zwischen den Kriegsparteien in Böhmen und Bayern lag, machte ihn zum nützlichen „Verhau“, den weder die Kavallerie noch Kanonen überwinden konnten.

Zwischen den Jahren 1708 und 1764 lief hier die Landesgrenze hindurch und um 1850 entschied König Max der I., dass dieser einmalige Urwald zu schützen sei, aber erst zu Beginn des 20.Jh. wurde das in einem Gesetz bestätigt. Irgendwann seit 500, 600 oder 1000 und mehr Jahren sind hier immer wieder die alten Bäume am Ende ihres Lebens auf den Waldboden gesunken um hier zu verrotten und zu vergehen, was auch von Baum zu Baum 50 Jahre und länger dauern kann. Vorher hatten noch die Spechte ihre Höhlen hineingezimmert, in denen nachher noch als Nachmieter Sperlingskauz und Raufußkauz ihre Wohnung fanden. Am Ende sind es dann Insekten, Pilzhorste und Springschwänze, die mit ihrer Kleinarbeit das Ende einer 400jährigen Rotbuche oder einer 600jährigen Tanne besiegeln.

Für uns Menschen ist dieser Urwald voller toter Bäume zuweilen deprimierend, denn wir sind den aufgeräumten Wald gewöhnt. Für den Fachmann aber sind die jungen, lebenden, nachwachsenden Bäumen eine Herausforderung für die Seele, denn die Bilder vom vielfältigen Sterben passen nicht so recht zu unserer Vorstellung von der heilen Welt in der Natur und im Wald. Selbst die alten Buchen sind hier mit ihren 400 Jahren fast doppelt so alt wie die ganze Forstwirtschaft. Viele Wildtiere, die Jäger nicht einmal zu Gesicht bekamen, haben in diesem Wald geäst und gelebt. Sie haben die Naturverjüngung verbissen, Jungwald geschält und schließlich auch aufgefressen. Dennoch sind über die Jahrhunderte genügend Bäume übrig geblieben und reichlich dicke Bäume aufgewachsen, obwohl einstmals ihre Wipfeltriebe verbissen waren. Es braucht nur seine Zeit, doch die Menschen haben zu wenig Geduld. Im Verlauf der Jahrhunderte erleben die alten Bäume viele Generationen der Menschen und den Wechsel im Tier-Reich. In jeder Frühlingsnacht balzen die kleinen Eulen, heulen Waldkauz, Waldohreule und Uhu. Es hämmern und trommeln viele Spechtarten, es rufen Walzkauz und Waldohreule und gen Morgen schwebt leise der Uhu ein. Zur Hochzeit der Siebenschläfer schallen schrille Pfiffe aus den Baumkronen. Am Falkenstein jagen balzend mit schrillem Schrei die Wanderfalken. Der Überfluss an Totholz macht diesen Urwald zu einem Paradies, das die korrigierende Hand des Menschen niemals brauchte und über Jahrhunderte von ihm auch nicht brauchen wird.



Jäger neigen hingegen oft zu der Ansicht, dass Gott die Natur unvollkommen geschaffen hat und sie versuchen daher, sie nach ihrer Auffassung umzugestalten, um einzelne Arten vor anderen zu retten. Vor allem ist es die sogenannte „Hege“, die ein biologisches Ungleichgewicht schafft und neben die Monokulturen im Wirtschaftswald jene in der Tierwelt stellen will. Hätten einzelne Arten nicht für die Löcher im dichten Urwald gesorgt, gäbe es hier keine Mäuse oder Schmetter-linge, keine Igel, Hasen, Zwergmäuse oder Haselmäuse.


Ein Urwald ist kein dichter, wohl aber ein lichter Wald, der viel Raum bietet, in dem die Sonne des Frühlings Blütenpracht gedeihen lässt, aber auch Bärwurz und andere Wurzelarten, die schließlich der Bär gerne ausgräbt. In einem Urwald gibt es keine Wildfütterung. Hier kann der Luchs vom Ansitz jagen und das Rudel der Wölfe mit seiner Treibjagd. In der Wildnis finden alle Tiere der Wildnis ihre Lösung ohne Futtersack. Wer sich der Natur nicht unterordnet, der ist fürwahr ein Täter. Wer es nicht sein will, der hat auch die Pflicht, die Wald-Natur als Naturwald zu retten. Denn er ist uns anvertraut und braucht nur Toleranz von der Seite der Menschen.

In unserer hoch technisierten naturfernen Umwelt ist der Naturwald so etwas wie ein Heiligtum. Die Begegnung mit der Waldwildnis und ihrer Vielseitigkeit, dem Werden und Vergehen, bringt uns die Fähigkeit, mit der Schöpfung so zu verfahren, dass sie sich aus sich selber vollendet. Wir haben die Masse der Wälder entweder ganz gerodet oder haben sie zu Wirtschaftswäldern umgewandelt. Ein Grund mehr, dass hier die Schöpfung fortbestehen muss, für uns und auch für kommende Generationen.

Naturwald als Urwald ist das Filetstück der Natur. Es fällt uns zuweilen nicht leicht, den heiligen Charme der Urwälder zu verstehen und sie gewähren zu lassen ohne hier einzugreifen. Unser Ordnungssinn, der nach einem aufgeräumten Wald schreien könnte, muss ruhen. Nur staunend dürfen wir den Wechsel von Aufbau und Vergehen in der Natur gewähren lassen. Jene riesigen Tannen, die mit Flechtenbärten verhangen, oft übermoost sind und erhaben zu Hunderten hier stehen, müssen wir eines Tages dahinsiechen sehen und vom geheimnisvollen Volk der Pilze zersetzen lassen. Wenn sie der Sturm am Boden zerschellen lässt, liegen sie zwischen grauen Felsbrocken oder bauen Brücken über des Waldbachs sprudelndes Tal. Es lässt sich kaum schildern, wie wir diesen Kreislauf des Daseins erleben, denn in den Werkstätten dieses Lebens rührt sich unter schwellendem Moospolster schon angekündigt, neues Leben aus den Ruinen eines Waldes, den mancher vielleicht trostlos findet. Man muss sich gewöhnen an die Schönheit von Verfall und Modern. Man würde in diesem alten sterbenden Wald vielleicht Stille erwarten, doch es lebt und knistert überall, denn im Untergrund wird emsig gearbeitet, um die schönere Seite des Vergehens, die des Neuerlebens und der Kraft der Erneuerung zu erlauschen, die allgegenwärtig ist.

Waldwildnis und wildes Wild braucht die Menschen nicht, den Jäger so wenig wie den Forstmann. Denn die Waldwildnis kommt mit sich selber zurecht. Sie braucht nicht Motorsäge, Fallen oder Jagdwaffen, sondern duldet nur den stillen Beobachter. Waldwildnis ist auch nur mit den Tieren des Waldes möglich, denn ein Wald ohne Wild wäre ein armer Wald. Die Natur der Waldwildnis kennt darum auch keinen „Wald vor Wild“, sondern nur Wald mit Wild. Wo es das nicht gibt oder geben darf, ist die Waldwildnis gestört. Inmitten von Wirtschaftswäldern, die ein Drittel des Landes bedecken, muss es auch „Nat-Urwälder“ geben dürfen. Es sind nicht die Wälder der Forstwirte, weil sie mit sich auch alleine zurechtkommen. Waldwildnis bedeutet auch Kraft und Schönheit, dynamisches Bestehen, Vergehen und Tod in diesem ewigen Kreislauf der Natur. So erfüllt die Waldwildnis unsere Sehnsucht nach der scheinbar so unordentlichen Wildnis in der Natur vollkommen. Wo Wald und Wild unsere Sehnsucht nach der Wildnis erfüllen, da haben wir unser Selbstverständnis vom Naturschutz im Wald gefunden. Einen Tatort Wald kennt die Natur im Walde nicht.

Wolfgang Alexander Bajohr