Naturnaher Wald: Harmonie zwischen Wild und Landschaft
Die großen Pflanzenfresser schufen Nischen     von Wolfgang Alexander Bajohr


Wisent auf Waldlichtung

Mit urwüchsiger Gestaltungskraft schaffen sich Wildtiere ihren Lebensraum selbst
Kaum ein anderer Landkreis wie dieser ist geeigneter, um hier über die Existenz von Wildtieren in Wald und Landschaft von der Urzeit bis heute, zu sprechen. Vor der Türe finden sich deutliche Spuren der letzten Eiszeit, zahllose Siedlungs-fragmente und Bewirtschaftungsfolgen der früheren Menschengenerationen nach dieser Kaltzeit, als Reste einstiger Urlandschaft, über Völkerwanderung, zum Mittelalter und bis heute. Hier im

Kreuzlinger Forst und in angrenzenden Lebensräumen stehen noch urige Bäume, die Waldweidezeiten überlebten, oft zwei- und dreimal so alt wie die ganze Forstwirtschaft. 24 hochkarätige Wissenschaftler beraten 2 volle Tage in Germering über die Zukunft und die Ziele einer artenschutzorientierten Landschaftspflege, aber auch über die Wiederkehr heimatlos gewordener Wildtiere, die als "Schädlinge" den Menschen im Wege waren oder es im Wald noch sind.

Schon Urmenschen rotteten Wildtiere aus
Nicht nur das Land vor unserer Türe, ganz Mitteleuropa wäre eintönige Steppe, hätten nicht schon jagende Urmenschen viele Wildtiere bedenkenlos ausgerottet. Biber würden aus Flüssen Seelandschaften machen, Elche und Hirsche in Talauen äsen. Auf Hügelmoränen würden Wisent, Wildpferde, Auerochsen und Waldelefanten das Land gehölzfrei halten. Wald gäbe es nur an den Steilabfällen zur Amper und im Staubereich versumpfter Bachschluchten. Doch Wald, begünstigt durch unser Klima, hat auch danach dieses Land nur teilweise überwuchert. Denn nie ist es wirklich mit "undurchdringlichem Urwald" bedeckt gewesen.

Längst ehe Rätien zur römischen Provinz wurde, sind Kelten in das Land gekommen, und wir können an den Bodendenkmälern ablesen, dass sie nicht im Dickicht der Tal- und Flußauen siedelten, auch nicht in den Sümpfen und Niedermooren, sondern auf Schotterebenen und Höhen im tertiären Hügelland, wahrscheinlich in einer Art von Parklandschaft. Für die Anreisenden wäre es mühsam geworden, sich erst durch das Dickicht zu schlagen, Ackerflächen zu roden und dann noch zu siedeln. Viel einfacher war es den großen Pflanzenfressern Wisent und Auerochse, Elch und Rothirsch, die Wiesen abzunehmen, die sie in den Wald gebissen hatten.

Waldtiere schufen schon damals Weideflächen im Wald, genauso wie heute. So setzten Menschen, die ihr Vieh in den Wald trieben mit ihrer Waldweide das fort, was Wildtiere vor ihnen im Wald begonnen haben. überspringen wir jene 300 Jahre in denen Rätien römische Provinz war. Sicher ist nur, dass man in dieser Zeit nicht mehr von der Jagd auf Wildtiere lebte. In Müllgruben lässt sich ablesen, dass der Knochenanteil von Wildtieren gerade 3,3% beträgt. Man lebte von Haustieren und von Ackerbau. Um 500 n. Chr. wurden die Römer in die Heimat zurückgerufen. Sie gingen in Frieden heim. Man sagt, dass zu jener Zeit ganz Deutschland dünn besiedelt war. Experten sind uneinig, ob es nur 1 Mio. oder 2-3 Mio. Menschen waren. Naheliegen ist nur: man lebte noch mit der Natur im Einklang.

Den Wald zur Wüste gemacht
Immer mehr nachrückende Germanen, Bajuwaren usw. kamen in ein weitgehend verlassenes Land, das bald nicht mehr für alle reichte. Es war auch nicht Böswilligkeit was bald den Wald zur Wüste machte. Der Jahrhunderte dauernde Kampf der Landbauern um die nackte Existenz ging auf Kosten des Waldes. Die großen Brand-Rodungen haben im 7.-9. Jh. begonnen und gingen bis zum 11.-13.Jh. Und um 1500 war die heutige Wald-Feld-Verteilung weitgehend erreicht, der Wald hatte 2/3 seiner einstigen Fläche verloren. Ab 1600 wurden die Waldschafe immer massiver in die Wälder geschickt. Bei 80-100 Schafen und noch zusätzlich 20 Kühen auf 100 ha Lebensraum wurde der Wald total aufgefressen. Noch 1740 hat man Wald einfach angezündet, um die Weide zu verbessern. Natürlich fraß das Vieh nicht die alten Bäume, aber es verhinderte, dass sie sich verjüngen. Der Wald ist dann kinderlos verschieden.


Eichelgarten, Forstenrieder Park

Den größten Nutzen hat man sich von der Eiche versprochen, also hat man sie stehen lassen. Noch heute zeigt der Kreuzlinger Forst und die Landschaft bis hin zum Forstenrieder Park, ja das ganze 5-Seen-Land die Reste jener Weidewirtschaft: uralte Eichen. Lichter Eichen-Hutewald, wie das Seeholz, steht heute noch. Hohle Eichen dienten den Hirten als Zuflucht, wenn sie sich vor den grimmigen Keilern ihrer halbwilden Schweineherden verstecken mussten. Der Eichen-Hutweidewald war idealer Lebensraum für Wiedehopf, Blauracke, Eulen und andere Waldrand-

bewohner. Hier einige Beispiele vond em was noch geschah, bis vom ursprünglichen Naturwald nicht viel übrig blieb. Holzhunger der Saline in Reichenhall und Ofenheizung plünderten weithin die Wälder. Über Jahrhunderte war Holz wesentlicher, ja wichtiger Rohstoff und Energiespender. Germanen führten die zahllosen kleinen Eisenhütten der Kelten weiter. Noch um 1800 war Deutschland mit 30.000 To. der größte Eisenerzeuger Europas. Das verschlang 1/4 der Holzproduktion, denn je To Eisen brauchte man 12 Tonnen Holzkohle. Erst als Kohlekoks erfunden wurde, erlosch 1829 der letzte Holzkohle-Hochofen in Europa.

Deutschland war vom Mittelalter bis ins 18.Jh. weltgrößter Produzent von Leinenballen. Leinen aber bleichte man mit Pottasche. Pro Zentner Pottasche aber mussten über 50 Festmeter Holz verbrannt werden. Erst 1785 wurde die Bleiche mit Chlorkalk erfunden. Doch auch die Glasindustrie brauchte Pottasche. Erinnert sei auch an das Bauholz für Häuser.

Unsere Eichenwälder verschwanden mit dem Schiffsbau. Noch Napoleon ließ in ganz Europa Eichenwälder beschlagnahmen, weil er Schiffsbauholz für die Kriegsflotte brauchte. Für jedes mittelgroße Kriegsschiff wurden 4000 erstklassige große Eichen benötigt. Mit jeder der großen Seeschlachten der Geschichte sind ganze Eichenwälder auf den Grund des Meeres geschossen worden. Schiffe mit 100 Kanonen brauchten wegen des Rückstoßes 50 m lange Widerlager aus einem Eichen-Stück!

Forstwirtschaft war ein Kind der Holznot
Im Eichen-Hainbuchen-Wald vor unserer Haustüre war die Eiche wichtigster Baum. Schon in mythischer Vorzeit war sie der Baum Gottes. Darum sind viele große Eichen, die frei auf Weideflächen standen, auch noch im heutigen Wald erhalten geblieben. Die Forstgeschichte war nicht ein Kind der Holz-Produktion, sondern ein Kind der Not. Als nach 1770 Forst und Jagd offiziell getrennt wurden, hören die für Tiere so wertvollen "Plünder-Wälder" auf nur Tiergärten zu sein. Denn es beginnt die Bewirtschaftung mit Saat und Ernte. Aus Berufsjägern der Feudalzeit wurden Förster. "Holzgerechte Jäger" waren noch im 18.Jh. bereit sich der Natur anzupassen, erkennend, dass nicht jeder Baum auf jedem Boden wächst. Wir wollen den Förstern heute nicht den Holzackerbau vorwerfen, der dann begann. Man wusste es in jener Zeit eben nicht besser.

All die alten Bäume im Kreuzlinger Forst, Forstenrieder Park, im Schöngeisinger Wald usw. welche die Waldweidezeit überlebt haben, sind heute bürstendick mit Fichte eingewachsen. Der Forstpolitiker Prof. Plochmann und Forstdirektor Dr. Georg Sperber haben lange sehr heftig provozieren müssen, bis in Forstverwaltungen die Einsicht von einer naturnäheren Waldwirtschaft mit Laubholzanteil dämmerte.

Ein Wald ist ganz sicher mehr als nur die Summe seiner Bäume
Wälder, in denen Bäume wie Soldaten stehen, in dem alle Bäume gleich alt sind, sich 80% Fichte in größtmöglicher Zahl drängt, sind genau genommen kein Wald. Spätestens der Sturmwind Wiebke hat es bewusst werden lassen. Doch längst nicht jeder Waldeigentümer bemerkt heute, dass Fichte selbst als Papierholz kaum noch verkäuflich ist. Es kursiert der böse Spottvers: "Willst Du einen Wald vernichten, pflanze Fichten, nichts als Fichten!" Doch auch ein Mischwald ist noch lange kein Naturwald, und unser Traumbild vom Wald ist ein Wunschbild. Uralte Bäume lassen ahnen mit welcher Religiosität unsere Vorfahren Bäume verehrten. Wälder mit Feen, Nymphen die Quelle hüten und Zwerge die knorrigem Wurzelwerk entsteigen. Das sind noch Bäume aus der Waldweidezeit. Die erst seit 250 Jahren produzierende Forstwirtschaft hat ähnliches noch nicht hervorgebracht. Vielstufiger Altersaufbau, Bereitschaft, dass man Beeren tragende Sträucher nicht als Unkraut herausjätet und Mut zur Freifläche, alles das bedeutet auch Toleranz gegenüber den großen Pflanzenfressern.

In der Diskussion um einen naturnahen Wald spielt immer die Naturnähe eine große Rolle. Augenauswischerei? Wahrscheinlich, denn Naturschutz im Wald ist bisher ein Zufallsergebnis, es wird nur im Beipack mit der Holzproduktion geboten. Seit man sich entschlossen hat, wenigstens wieder 30-50% Laubbäume zu pflanzen, bietet sich langsam das Bild einer etwas naturnäheren Vegetation.  Doch versteht jeder etwas anderes darunter. Ein Traum und das Bild eines Märchenwaldes, ein Hänsel- und Gretel-Syndrom. Diese Wildnisphilosophie leitet ihre Begriffe wohl vom Urwald ab, aber wer als Waldbesitzer von seinem Wald leben muss, baut immer noch einen  Fichten-Wirtschaftswald an. Zweifelhaft ist, ob das Ideal des dauerhaften sich selbst erhaltenden Naturwaldes erfüllbar ist. Denn er soll gesund sein, schön, produktiv, kostengünstig und resistent gegen Sturm, Schneebruch und Schädlinge. Zu denen rechnet man aber neuerdings unter den Wildtieren auch noch das Schalenwild, die großen Pflanzenfresser.


Elch am Waldrand

Wildtiere, die den Wald auffressen
Es steht außer Zweifel, dass Jäger durch Ausschalten der natürlichen Wintersterblichkeit mit ihrer Wildfütterung Wildbestände soweit künstlich überhöht haben, dass es zu Lasten des Waldes ging. Zudem wurde versucht durch bestimmte Formen der Futtergaben auf Trophäenstärken Einfluss zu nehmen, um bei eigens veranstalteten Trophäenschauen Wettbewerbsvorteile zu haben. An diesem Punkt einer Entartung der Jagd hat die Forstpolitik gezielt angesetzt. Dabei ging es besonders um das

Reh, dessen Verbiss beim Waldumbau und überhöhten Dichten vorübergehend ein Störfaktor ist. Es hat sich gezeigt, dass die stark territorialen Rehe sich auch bei erhöhtem Jagddruck nicht ausrotten lassen, sondern in der Regel nur vorsichtiger werden.Auf der Woge dieser Auseinandersetzung sind auch andere mitgeschwommen, die im Pflanzen fressenden Wildtier grundsätzlich einen Störfaktor für den Holzackerbau sehen. Ein "wirtschaftlich tragbar" kalkulierter Wildtierbestand verbeißt spürbar und immer die schmackhaften Baumarten. Auch manche Biologen erliegen dem Trugschluss, dass im "Nat-Urwald" Harmonie zwischen Pflanzen und Pflanzenfressern geherrscht habe, über die das "Management der Raubtiere" Kontrolle ausübt. Gefordert wurde, dass Jäger als "Ersatzwolf" durch Jagd den Wildtierbestand lenken und dieses Gleichgewicht wieder herstellen, um die Belastung der Wald-Vegetation zu senken. Vom jagdlichen Management wurde verlangt die Wilddichten dauernd so niedrig zu halten, dass Schäden vermieden werden, oder dass alternative Zäune diese Verbissschäden verhindern. Erstaunlich ist, dass auch manche Funktionäre der Naturschützer in die wirtschaftlich motivierte Forderung der Forstleute einstimmten.

Seit biblischen Zeiten sind Pflanzenfresser Friedtiere. Hier stellt man das Prinzip auf dem Kopf, macht Bambi zum Schädling und erwartet vom ausgerotteten Raubwild ein Regulativ, das man notgedrungen selber übernimmt. Ja einen massiven Reduktionsabschuss entschuldigt man selbst im Nationalpark. Es ist an der Zeit diese Vorstellung von einer "natürlichen Harmonie" zwischen viel Wald und wenig Wildtieren zu revidieren. Raubtiere profitieren wohl von ihrer Beute, aber ich habe Zweifel, ob sie jemals ihre Beutetiere so wirksam einreguliert haben, wie der Winter mit seinem Nahrungsengpass und den Bären als Regulator können wir gleich streichen.

Wildschäden kommen in natürlichen Wald-Systemen nicht vor
Diesen Satz kann man auch gegensätzlich interpretieren. Mit Hirsch, Reh, und im Hochgebirge auch noch Gams, Mufflon und Steinbock, ist die einstige natürliche Arten-Vielfalt auf eine Schrumpf-Fauna reduziert. Angesichts einstiger Moore, Auwälder und Sümpfe im Staubereich von Wildflüssen wie Ammer und Amper, ist auch der Elch ein Wildtier unserer engsten Heimat gewesen, das bis hinauf in den Grünerlengürtel im Hochgebirge Standwild war oder zwischen Sommer- und Wintereinstand gewechselt ist. Auch die großen Wildrinder Wisent und Auerochse lebten in Bayern flächendeckend fast überall in lichten Mischwäldern, ebenso die Wildpferde. Auch den Braunbären müssen wir zu den großen Vegetariern zählen, weil er auf Grasflächen weidet.

Es ist kaum vorstellbar, dass alle diese großen Pflanzenfresser gleichzeitig in naturnahen Wäldern gelebt haben, ohne dass sie die Vegetation massiv beeinflusst hätten. Es sei denn, dass sie in sehr niedriger Dichte vorkamen, und daher keinen Einfluss hatten. Besonders die großen Huftiere haben den Wald nicht nur durch Verbiss, sondern außerdem durch Hornstöße, Huftritte, Geweihschläge und Äsen der Rinde beschädigt. Die Geschichte des Waldes zeigt, dass die im Wald lebende Artenvielfalt Pflanzen fressender Großtiere nicht ohne Einfluss auf den Wald geblieben sein kann. Dabei ist ihr Einfluss auf das Waldbild so erheblich, dass die Harmonie von einem Wald, in dem Wald und Wild in Einklang leben, für alle Zeit anzuzweifeln ist.

Am Ende jeder Wald-Entwicklung steht Hallenbestand, an dessen Boden es meist so finster ist, dass weder eine Krautschicht noch eigener Nachwuchs der Waldbäume aufkommen. Schließlich erfolgt natürlicher Alterstod der Bäume oder natürlicher Zusammenbruch nach einem Überfall der Borkenkäfer. Erfahrungen aus Nordskandinavien gehen davon aus, dass Naturwald alle 80-100 Jahre abbrennt. Das überstehen Kiefer und Eiche und einige weitere Baumarten sehr gut, aber die Fichte brennt heraus. Waldlücken entstehen auch durch Schneebruch und Windwurf. In der Folge bieten diese Waldlücken Chancen für Beeren tragende Sträucher und eine Krautschicht. Mit dem Verbiss entstehen nun kleine Waldwiesen mit Trockenrasenflora, womit das Nahrungsangebot für die Pflanzenfresser weiter steigt. Sie erhöhen durch ihren massiven Verbiss junger Waldbäume die Chancen derartiger Waldlücken und verbessern damit das eigene Nahrungsangebot. Als Nutznießer des selbst geschaffenen Lebensraumes reagieren sie auf mehr Nahrung mit wachsender Kinderzahl.

Ohne diese großen Pflanzenfresser wächst diese Lücke in unserer Klimazone aber in 10-15 Jahren durch die Naturverjüngung der Waldbäume wieder zu, womit sie endgültig verschwindet. Greift jetzt der Mensch ein, dann maßt er sich Entscheidungen an, welche die Schöpfung den Huftieren im Wald zugewiesen hat.

Die Chance für viele kleine Wildtiere und Vögel liegt gerade in diesem Verhalten der großen Pflanzenfresser, die solche natürlich entstandenen Femel-Löcher der Wald-Vegetation erhalten. Reh, Rothirsch und Elch müssen schon gemeinsam und sehr massiv verbeißen, damit eine Waldlücke lange genug erhalten bleibt, was durchaus 50 Jahre lang möglich sein kann, weil keine Naturverjüngung hochgekommen ist.

Waldlückenbewohner folgen den großen Pflanzenfressern
Nur sehr wenige Tiere können im dichten Kronendach alter Bäume in einem Hallenbestand zurechtkommen. Es ist das Eichhörnchen, sein Fressfeind Baummarder und der Kreuzschnabel. Außer Buchfink und Dompfaff nistet kaum ein Vogel im dichten Blätterdach der Baumkronen. Auch den Spechten gefällt dieser schattige Wald nicht. Die von ihnen benötigte Vielfalt der Insektenlarven ist von der Sonnenwärme abhängig. Er schätzt es zwischen der Höhle am Waldrand und offener Waldlücke zu pendeln, vorausgesetzt es gibt genügend Totholz, in dem seine Nahrung lebt. Vom Specht sind wiederum viele Folgenutzer abhängig wie Baumläufer, Kleiber, Fledermäuse und Siebenschläfer. Noch krasser ist es beim Raufußkauz und anderen Eulen. Sie warten als Folgenutzer bereits auf die Höhle am Waldrand. Andererseits sind sie auf offene Flächen angewiesen, weil es nur dort mehr Mäuse gibt als im dichten Wald.

Der Auerhahn kann ohne ein Waldlückensystem nicht überleben, weil Ameisen und all die anderen Insekten, die Futter seiner Küken sind, in wärmender Sonne siedeln aber niemals im finsteren Tann. Für den Habichtskauz ist das Mäuseangebot der Waldlücke mit 130 Mäusen pro ha wichtiger als der noch so schön gemischte Natur- und Dauerwald. Auch die Wildkatze wird falsch eingeschätzt, denn für sie zählt nicht das Dickicht, sondern nur die Maus. Wenn sich ihre Beute ernähren soll, dann braucht sie auch die freie Flächen im Wald. Spinnen, Ameisen, Laufkäfer, Bockkäfer und viele bunte Schmetterlinge profitieren genauso von der Waldlücke im Wald wie Klappertopf, Türkenbundlilie oder Küchenschelle auf Trockenrasenflächen, die alle Folgenutzer des Beweidens sind.

Maximale Artenvielfalt ist immer in Randzonen zu finden. Sie ist umso stabiler je länger solch eine kleinräumig gegliederte Struktur erhalten bleibt. Den Tieren ist es egal ob eine Waldlücke mit Axt und Säge entsteht, durch die Waldweide oder äsende Wildtiere. Denn "naturgemäß" kann genauso gut "naturfremd" bedeuten. Es mehren sich Zweifel und es wächst die Einsicht, dass die Leitbilder aus dem Germanischen Urwald falsch sein könnten. Ein noch so gut gemeintes Naturnähe-Konzept nach Urwald-Muster muss noch lange nicht so mustergültig für den Artenschutz sein wie ein zusammengefressener Plünderwald.

Mit dem Biber fängt oft alles an. Meister Bockert bastelt in der grünen Au
Ammer und Amper sind noch immer in Bewegung. Gewaltige Holzberge türmt der Fluss bei Hochwasser auf, und Rückstau würde viele Felder wieder in Sümpfe verwandeln, Schlammbänke und Altwasser schaffen. Im Auwald werkelt noch einer und beteiligt sich, wenn es gilt, den finsteren Klimax-Wald zu lichten und sich am mustergültigen Naturwald zu beteiligen: Der Biber staut das Wasser auf, und er bringt damit die ungeliebte Fichte zum Absterben. Das lockt die


Biber bei der Arbeit

Borkenkäfer an, und die reißen schließlich ein Riesenloch in den Wald. Eschen fliegen an und der Eichelhäher  nebst dem Tannenhäher, pflanzen unermüdlich, so dass es auch ohne Pflanzspaten artenreicher wird. Aus dem aufgestauten Bach wird eine Teichkette. Läuft ein Teich aus, entstehen Sümpfe die irgendwann nährstoffreiche Weidegründe werden, und davon profitieren dann wieder Rotwild und Elch, die dann ihrerseits mithelfen, diese ihre Parklandschaft zu gestalten, die weit schöner ist als jede öde Fichtenmonokultur. Elche sind für den Naturwald nicht weniger wichtig als der Biber. Selten steht der Schaufelträger so, wie man


Eichelhäher

ihn gerne zeigt, bis zum Bauch im Wasser. Er aber mäht weit wirksamer und müheloser als Naturschützer mit Fördermitteln und Motorsense. Auf natürliche Weise verschwindet so die ungeliebte Weiden-Sukzession. Elche wandern bis ins Hochgebirge und sie machen sich auch im Bergwald und in der Landschaftspflege kostenlos nützlich. Der nützliche Rückkehrer schafft spielend mit den Zähnen, wo andere Schwerarbeit verrichten.

Landschaftspflege durch Wildtiere schafft Lebensraum
Wir gärtnern oft mühevoll in der Landschaft, um irgendwelche Naturbilder zu erhalten. Doch Natur ist kein Museum. Wir müssen wohl zur Kenntnis nehmen, dass in unserer Landschaft  Großsäuger ihren Lebensraum gestaltet haben. Noch immer gibt es aber Leute, die sprechen vom Wald und freuen sich über jeden großen Pflanzenfresser, der aus dem Wald verschwindet. Statt dessen müssen wir uns damit abfinden, dass die beklagten Unarten der Wildtiere, wie Schälen, Verfegen, Schlagen mit dem Geweih und Verbeißen arttypische Verhaltensweisen sind, mit denen die großen Pflanzenfresser aus forstlicher Sicht massive Baumschäden verursachen. Doch aus dem Blickwinkel des Artenschutzes schaffen, gestalten und stabilisieren sie damit ihren Lebensraum, in dem viele andere Tierarten erst dadurch leben können. Sie halten Käfer-, Schnee-, Sturmlöcher und Brandflächen offen und sorgen mit verbissresistenten Arten für den eigenen Fortbestand im Winter.

Es befremdet angesichts der horrenden Verluste an heimischen Tierarten, dass die Diskussion um Wälder fressendes Schalenwild derart kontrovers geführt wird. Leider nicht unter dem Aspekt des Artenschutzes, sondern unter dem der Wald-Nutzung. Nach dem Krieg waren die Wälder zwischen Schöngeising-Gilching-Etterschlag von Hirschen und Wildschweinen bewohnt, die wieder ausgerottet wurden, aber heute wieder in aller Stille zurückgekehrt sind. Nur im Gebiet zwischen Ammersee und Lech leben noch einzelne Hirsche. Auch die sind praktisch vogelfrei. Man bekämpft auch die bedrohte Unterart des Rothirsches den Steinhirsch obwohl er am Grat lebt wie die Gams und niemand etwas wegfrisst. Elche sind in aller Stille im Anmarsch. Man wundert sich, dass sich ein anrückender Bär an Haustieren vergreift, die man ja hätte nachts einsperren können. Wesentlicher ist es aber zu begreifen, dass man dem Bären vorher das Futter weggeschossen hatte.

Wald gibt es heute reichlich, und selbst die Papierfabrik verschmäht jetzt die Fichte. Die aber wäre unverkäuflich, wären nicht vorübergehend die Chinesen als Holzkäufer aufgetreten. Dennoch pflanzt man immer noch Waldwiesen mit Fichtenwald zu und rühmt, dass die Waldfläche zunimmt. Der Eichelhäher aber weiß es besser. Als überzeugter Waldlücken-Bewohner pflanzt er selbst dort noch die Eiche, wo der nächste Eichenbaum Kilometer weit weg ist. Nach einer Untersuchung bringt er auf diese Weise in einer Saison bis 4.600 Eicheln in den Boden. Doch statt Dank erntet er Bleikugeln.

Die großen Pflanzenfresser aber schaffen einen Plünder-Wald und damit erst jene Ökosysteme auf die es heute ankommt: Lichte Gehölzbestände, Schneeheidewälder, Hutungen, lichte Auwälder und Wärme liebende Gehölze. Sie alle nahmen noch vor dem letzten Krieg in Deutschland 50-80 % der Fläche ein, und heute sind sie auf unter einige Promille geschrumpft. Gerade hier leben aber die meisten bedrohten Arten:
Fast alle Heuschrecken, Smaragd-, Zaun- und Mauereidechse, Kreuzotter und Schlingnatter, Knoblauch-, Kreuz- und Wechselkröte, Laubfrosch, Gelbbauch-Unke, Zwerg-, Feld- und Gartenspitzmaus, Hamster und Ziesel, Zwergmaus, Mauswiesel, Rohr- und Zwergdommel, Brachvogel, Bekassine, Rotschenkel, Triel, Wachtelkönig, Flußregenpfeifer, Korn-, Rohr-, und Wiesenweihe, Sumpfohreule, Raubwürger, Wiedehopf, Blauracke, Hauben-, und Heidelerche, Brach- und Wiesenpieper, Schwarz- und Braunkehlchen, zahllose Schmetterlinge und andere Insektenarten.

Zusammenfassung: "Wald vor Wild" oder "Der Wald und seine Wildtiere?"
Einander widerstrebende Interessen haben mit Ökologie wenig, mit Ökonomie aber sehr viel zu tun. Im Wald den Bäumen die Priorität vor den großen Pflanzenfressern zu geben, ist so wenig ökologisch wie das Gegenteil. Die wirtschaftlichen Nutzungsansprüche der Menschen an den Wald sollten nicht verkennen, dass auch der Mensch nur ein Teil der Natur ist, von der er lebt. Er kann nicht gegen die Natur leben. Weigert er sich, werden übermorgen unsere Enkel dafür bestraft.