Wald: Der Wendehals Jynx Torquilla L. - Ein Spechtvogel des Kreuzlinger Forstes
 Von Wolfgang Alexander Bajohr

Seit der politischen Wende in Deutschland ist der Wendehals satirisch sprichwörtlich geworden. So muss ich hier jetzt hinzufügen, dass ich  natürlich den Vogel meine und nicht den „OSSI“. Wenn hier  von einem Wendehals die Rede sein soll, dann von dem Spechtvogel Wendehals, der leider im deutschen Wald ein sehr seltener Vogel geworden ist. Auch im Kreuzlinger Forst, wo er noch vorkommt, ist er ein sehr spärlich verbreiteter Vogel geworden. Das hat sich Ende des 20. Jahrhunderts rasant beschleunigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er ein Opfer moderner Forstwirtschaft ist, scheint hoch zu sein.

Von 1975-1999 hat der Bestand erneut um 20 - 50 % abgenommen, heißt es im Brutatlas der Vögel Bayerns. Dabei liegen die Schwerpunkte der Verbreitung heute vor allem in den relativ trockenen und wärmeren Gebieten von Mittel- und Oberfranken. Im 5seenland, das ja um die 600 m hoch liegt, ist er eine ganz besondere Rarität. Er schätzt nicht den dichten und finsteren Forst, sondern eine halboffene und reich gegliederte Kulturlandschaft, also eine Art von Taiga-Wald mit Insel-Gehölzen, kleinen locker stehenden Baumgruppen oder Einzelbäumen und z.B. auch Streuobstwiesen, Alleen, Parkanlagen, Heidegebiete etc. Er mag Auwälder, aber auch  lückige Wälder wie sie nach der Waldweide vom Vieh und häufig vorhandenen Wildtieren zusammengebissen wurde. Voraussetzung ist aber auch dann ein auf irgendeine Art entstandenes reiches Höhlenangebot. Doch nimmt er auch Nistkästen dankbar an. Wenn er von der Reise zurückkehrt, verteidigt er beharrlich die knappen Wohnungen sehr energisch.

Der Rückgang dieses Vogels im ganzen Land scheint rätselhaft zu sein, denn er ist wenig scheu und ist durchaus mit der Nähe von Menschen einverstanden, und er schätzt die Kulturlandschaft mehr als die Wildnis. Das Roden von Streuobstwiesen mag er allerdings gar nicht, denn es bedeutet für ihn das Ende. Dabei ist es egal, ob es nun Lebensraumverluste sind, oder ob ihm die Nahrung fehlt. Grundsätzlich besteht in allen gemeldeten FFH-Gebieten ein Verschlechterunsgsverbot. Es hat ihm nicht geholfen, ebenso wenig wie der Vertragsnaturschutz.

 

Bei uns im 5seenland ist er ein typischer Vertreter des Kreuzlinger Forstes. Ihn und seine Geschichte will ich hier kurz voranstellen. Der Forst ist genau genommen ein Plünderwald. Viele dieser Plünderungen  gehen auf die wechselnden Wirtschaftsweisen früherer Jahrhunderte zurück. „Bäume und Wälder sind das höchste Geschenk, mit dem die Natur den Menschen begnadet hat“, schreibt schon 23-79 n.Chr. Plinius über Bäume und Wald. Unsere Vorfahren wussten diesen Wald noch mehr zu schätzen, denn für sie war er ein Heiligtum. Er spendete Holz für die

Hütten, das Brennmaterial für die Häuser und den Herd. Wenn sie ihn rodeten, gab er ihnen fruchtbaren Ackerboden für die Felder frei, er war Weideland für das Vieh und verbarg das heimliche Wild, das sie erjagten. Der Wald galt also als Heiligtum und ehrwürdige Bäume als der Sitz von Feen, Geistern und Göttern. Er war erfüllt vom Konzert der Vögel und die Menschen jagten darin mit Pfeil und Bogen und dem Speer. Er verbarg sie im Kriegsfall auch vor den Feinden. Seine urwüchsigen Bäume und die Stille unter dem Blätterdach gaben ihnen Kraft für Leib und Seele. Als mit dem Ende der Völkerwanderung die Volksstämme ihre Plätze eingenommen haben, war er bald auch die Grundlage für eine ganze Palette von wirtschaftlichen Grundlagen. Er lieferte Holz und Masten für die Schiffe, Asche für Glas und als Bleiche, auch die Kohle für die Verhüttung von Erz aus dem für Schutz und Wehr die Waffen entstanden.

Karl der Große, in Gauting geboren, jagte und lebte zeitweise in diesem Kreuzlinger Forst, der in dieser Zeit noch ein gemeinsames Eigentum der Markgenossenschaften war. Bis um das Jahr 1200 war der Wald das Almende oder Allerfeld, gemeinsames Eigentum und er wurde von allen gleichmäßig genutzt. Die Wald-Feld-Verteilung war bis um die Wende des Jahres 1500 abgeschlossen, und bereits zu der Zeit war die Struktur entstanden, die es heute noch gibt, etwa 2/3 Feld und 1/3 Wald. Die Struktur aber war aus der Form der Nutzung entstanden. Hier war eine „Ehgartenlandschaft“, in der die Hecken die Zäune waren und die Feldbestellung erfolgte als Dreifelderwirtschaft, die mit der Viehweide abgewechselt haben. Das Ergebnis war zunächst eine parkähnliche Landschaft. Doch die Böden verarmten durch die Streunutzung. Das Bild der Kulturlandschaft sah aus wie auf den alten Gemälden und Stichen: mit großen locker stehenden Bäumen und Hecken und dazwischen weidete das Vieh auf dem Kulturland und Jäger ritten mit Hunden Parcourjagden. Reiter, Wild und Hunde tummelten sich zwischen den wenigen Bäumen. In diesem Land fühlten sich Wiedehopf und Blauracke wohl und der Wendehals natürlich auch.

Doch die Holznot war erdrückend geworden, und den gepflegten königlichen Wäldern durfte nur ein Minimum an Holz entnommen werden. Das war damals das charakteristische Landschaftsbild rund um München. Das war aber auch der Beginn jener Zeit, die den Beruf der Förster erfunden hat. Die restlichen Wälder wurden zumeist erst klösterlicher Besitz und von diesen gingen sie dann in das Eigentum der Herrschenden Klasse über. Aus dem königlichen Wald wurde dann schließlich der Staatswald. Die Menschen waren abhängiger geworden. Die neu entstandene

Forstwirtschaft war selbst noch in einem Lernprozess und schuf damals Wälder, wie wir sie heute nicht mehr haben wollen. Doch entstanden diese Wälder aus der Holz-Not heraus. Schließlich kam der erste Weltkrieg, und als zum zweiten Mal über Europa der Krieg hinwegrollte, brauchte man diesen Wald für die Tarnung einer unterirdischen Rüstungsindustrie und die Lagerung von Treibstoffen für den Flughafen. Arbeitssklaven schufen unter dem Wald ein Höhlensystem. Darüber und über ihren Gräbern wuchs schließlich wieder neuer Wald. Neue Strukturen hatten längst das ehemalige Bauernland rundum ebenfalls in Wald umgewandelt, in dem sich die Baracken der Zwangsarbeiter verbargen. Die letzten Wiesen, Weiden und Agrarstrukturen wichen einem Truppenübungsplatz und einem neuen Wald nach damaliger Vorstellung.

Weil die eingestreuten bäuerlichen Strukturen verschwinden mussten, ging mit dem Vieh auch der Bauernwald und die Vogelwelt dahin, die dafür so typisch war. Bis in die allerneueste Zeit verschwanden Blauracke und Wiedehopf, Heidlerche und Wendehals, Neuntöter und Pieper. Wo sich vorher noch Schlangen und Eidechsen sonnten, kam der Schatten, zusammen mit dem neuen Wald. An die Stelle der einst vom Vieh und den Hirschen zusammengefressenen Wälder war Wirtschaftswald getreten. Er entstand nach dem Zeitverständnis der damaligen Förster und er ist auf einem Teil der Flächen eine öde Holzplantage geworden, bis Schädlinge und Stürme ihm den Garaus machten und nochmals  ein neuer  Wald gepflanzt wurde, der heute noch jung ist, aber immerhin Mischwald.

 

Wir wollen den Förstern keine Vorwürfe machen, sie wussten es damals noch nicht besser und bauten den Wald nach ihrer Überlegung wieder auf. Weite Partien als Monokulturen, einige aber auch schon nach neuen Vorstellungen als Mischwald. Dazwischen sind tiefe Baugruben von Katakomben, die für die Kriegsmaschinerie nicht mehr fertig geworden sind. Tiefe Löcher bis auf den Grund der Moräne, den Anwohnern als Wifo bekannt. Industrielles Ödland mit abgeschobener Humusdecke, aber ein der einstigen Bauern-Landschaft doch wieder ähnliche Form. Das schien nun

einigen Vögeln wieder zu gefallen, und so ist auch der Wendehals zurückgekehrt. Jener kleine Specht, der auf so seltsame Weise sich selber über die Schulter sehen kann und so zu seinem Namen gekommen ist. Damit ist in der Plünderlandschaft doch wieder die Natur zu ihrem Recht gekommen, die alles Unebene zudeckt und Überraschungen parat hat. Eine davon war eben der Wendehals. Auf Landesebene ist er gefährdet, und hier ist er wieder da. Das ist genauso überraschend wie die Wechselkröte, die Vogelschützer auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes fanden, weil sie in Pfützen und Radspuren ablaicht.

Doch nun zu dem seltsamen Vogel Wendehals, der zur Familie der Spechte gehört, obwohl er kaum eine Höhle zimmern kann und auch nicht trommelt. So ist er auf die Höhlen angewiesen, die andere Spechtarten in die Bäume hacken oder auf die Kästen, die Vogelschützer aufhängen. Ein Wendehals ist etwa so groß wie der kleine Buntspecht. Er ist ein zierliches Vögelchen, das ganz auf Tarnung setzt. Seine Farbe ähnelt der Baumrinde, auf der er sitzt und das Gefieder ist mit feinen Kritzelungen gezeichnet, teils geordnet, teils auch in wirrer Häufung, so dass es insgesamt eine hervorragende Tarnung abgibt. Da es zahllose regionale Rassen gibt, sind an einem Ort die Vögel heller, an anderem dunkler gefärbt. Unterarten unter Vorbehalt.

Ich erinnere mich an ein Frühjahr in Schweden, als wir in einer kleinen Hütte am Gla Skogen wohnten, da kamen zwei Wendehälse fast gleichzeitig aus dem Süden zurück. Sie bezogen zwei Nistkästen, die nur 100 m voneinander entfernt waren. Jeder von beiden hat den Artgenossen völlig ignoriert. Ich kenne sie sonst als sehr territorial und ich weiß wie hart sie ihr Revier verteidigen. Sie begannen sofort mit der Balz und versuchten wohl durch ihre Rufe Weibchen anzulocken, was beiden auch nach sehr kurzer Zeit gelang. Von da an riefen vier Wendhälse in geringer Entfernung ihr schnarrendes „wäht, wäht, wäht, wäht“.

Für einen der Kästen hatte sich vorher ein Gartenrotschwanzpaar interessiert. Es war nur gut, dass sie noch kein Nest gebaut und noch keine Eier hatten. Denn Wendehälse räumen geradezu penetrant eine Bruthöhle leer. Dabei packen sie auch rücksichtslos Eier, die im Nest liegen und tragen sie fort um sie aus der Luft fallen zu lassen. Der kleine Wendehals nimmt sogar dem größeren rabiateren Buntspecht die Eier weg und fliegt los. Irgendwo lassen sie die Eier dann wie eine Bombe herunterfallen. Sie räumen aus und werfen alles hinaus. Jeden Halm, die Eier und jeden Span, alles was sie finden. In faulem weichem Holz können sie auch selbst eine Höhle herauspicken. Zum Zimmermann aber sind sie zu klein und ihr Schnabel ist zu schwach dafür.

Im Norden haben Vögel wenig Zeit, so lagen gleich Anfang Mai die Eier darin. Sie legen 8 – 10 weiße glänzende Eier. Man hat auch schon 22 Eier in einer Höhle gefunden. Wahrscheinlich von zwei Weibchen. An der Brutröhre lassen Wendehälse wohl auch einmal einen leisen Trommler hören, weil sie das Weibchen anlocken wollen. Sonst aber trommeln sie nicht. Auch die Ruferei endet bald. Vom letzten Ei an gerechnet, werden die ersten Jungen nach 12-14 Tagen schlüpfen. Für eine zweite Brut haben sie im Norden keine Zeit. In südlichen Regionen folgt der ersten Brut eine Zweite im Juni.

Der Wendehals war einer der ersten Vögel, die ich überhaupt fotografiert habe und das ist über 50 Jahre her. Damals hatte ich noch kein Teleobjektiv und habe daher die Kamera mit Draht an einem Ast festgebunden, der genau gegenüber seiner Höhle war. In der Höhle haben sie die Jungen emsig gefüttert. Aus der Höhle kamen summende Geräusche wie von einer Spieluhr oder einer Spieldose. Das waren die Jungen, die bettelten. Die Alten fütterten ausschließlich mit Ameisen und deren Kokons. Die Höhle fand ich in einer alten furchigen Silberweide an einem Amper-Altwasser.

Ihre Nahrung suchten die beiden Eltern auf der Wiese nebenan. Dauernd stocherten sie irgend etwas auf dem Boden, bis sie einen Ameisenhaufen aufgehackt hatten. Da steckten sie nun die klebrige Zunge hinein und räumten im Gewimmel der Ameisen auf. Es waren vor allem kleine Ameisenarten, wie die Wiesenameise und Gartenameisen. Denn die große rote Waldameise nehmen sie nicht. Wenn sie so frei auf dem Boden sitzen, ist der Sperber eine große Gefahr. Aber da setzen diese Vögel auf ihre Camouflage. Sie drücken sich, und der Sperber fliegt weiter ohne sie gesehen zu haben. Da ist die „Kritzelzeichnung“ des Gefieders eine phantastische Tarnung.

Schneebruch und Windwurf haben die zu dicht gepflanzten Holzackerwälder schwer geschädigt. Damit kamen auch die Waldlücken teilweise zurück. Denn der Wendehals braucht die parkähnliche Landschaft. Er kehrt von selber zurück, denn die Natur heilt Wunden. Ich hoffe sehr, dass der totale Rückgang der Wendehälse ein Ende findet.

Es kamen auch immer mehr Beobachter, die den Wendehals anschauen wollten. Die bisherige Tendenz im Forst war, dass man die Stammzahl pro ha erhöhte. Das ist für einen Vogel, wie den Wendehals tödlich. Die von Schneebruch und Sturm geschaffenen Waldlücken bleiben offen. Denn sie öffnen den Wald wieder für Sonne und Licht. Beim Wendehals ist es so ähnlich wie beim Auerhahn, der ebenfalls einen vielstufigen Waldaufbau mit großen Lücken braucht und Ameisen ebenfalls. Ein taigaähnlicher, naturnaher und ökologisch bewirtschafteter Wald muss es sein, damit auch der Wendehals wieder zurückkommt.