Wald: Als Tier des Jahres 1993 kommt die Wildkatze in die Wildbahn zurück -
 Heimkehr in die stillen Wälder. Schlagfallen machten der Wildkatze den Garaus!
 von Wolfgang Alexander Bajohr

Vom Ausrottungsfeldzug bis zur besseren Einsicht
Mehr als 300.000 Jahre hatte in Bayern die Wildkatze überlebt. Selbst die Eiszeiten haben ihr nichts anhaben können, denn sie hatte sich in die wenigen verbliebenen Borealwälder südlich der Tundren zurückgezogen und ihren warmen Pelz angezogen. Stets hat sie im Einklang mit der Natur als hoch befähigter Beutegreifer gejagt und getötet, um zu leben.

Das schließlich hat ihr in den letzten beiden Jahrhunderten der Mensch missgönnt, und als "boshafte Bestie" war sie bald verrufen. Mit einer unverständlichen Aufteilung unserer Tierwelt in Nützlich und Schädlich, begann aus Beuteneid ein Ausrottungsfeldzug gegen sie. Denn Altmeister Diezel nennt sie in seinem Buch über die Niederjagd einen argen Jagdschädling. Er glaubte fest daran, dass zu ihren Lieblingsspeisen Hasen und Fasanen, Rebhühner und Rehkitze gehören. Mancher der "Heger" nach ihm hat bis heute nicht begriffen, was die Wissenschaft schon längst erforscht hat, dass sie zu 90 % Mäuse jagt. Selbst an Eichhörnchen versucht sie sich gar nicht erst, denn so ungestüm wie Marder kann sie nicht jagen. Doch alle ihre Sinne sind hervorragend. Noch nach Stunden wittert sie den Geruch einer Spur. Ebenso gut sind ihre Augen und das Gehör. Ihre Hauptnahrung sind Kleinsäuger, auch wenn sie gelegentlich ein Nest mit Jungvögeln ausraubt, Eidechsen oder Würmer nimmt. Im Tiefschnee, wenn die Mäuse weg sind, verhungert sie, oder findet mit Glück frisch verendetes Fallwild, unverwest. Es überrascht viele, dass sie als Katze in ihrer Jagdleidenschaft auch das Wasser nicht scheut, obwohl ihr Fell nicht gegen Nässe geschützt ist. Sie schwimmt hervorragend, offensichtlich auch gerne und liebt die Nähe von Bächen.

Ist die Wildkatze wirklich ein so wildes Biest?
Den Menschen interessierende Wildarten fängt sie wohl, aber nur vereinzelt, wenn die Umstände gerade günstig sind. Doch sehen manche Jäger solches Jagdgetier als ihr Eigentum an. So hatte fortan die prächtige Wildkatze unter Rufmord zu leiden. Oft hatte der Drang zur ethnischen Säuberung und jagdlichen Monokultur im liebevoll "gehegten" Revier sie gleich mit ausgerottet. Trotz Totalschonung haben Fehlabschüsse und Fehlfänge in Totschlagfallen immer noch viel zu hohen Tribut gefordert. Als "wildernde Hauskatze" ist so manche

einfach mit geschossen worden. Jagd war bis vor kurzem die Haupttodesursache neben dem Straßen-verkehr. Zwischen Fuchs und Wildkatze haben Schlagfallen ohnehin nie unterscheiden können. Der heimlich weggeräumte Fehlfang hat erst mit Verbot der Totschlagfalle endlich ein Ende. Artenschutz muss Vorrang haben! Vor fast genau 100 Jahren hat man im Elsass, wo sie heute noch häufiger vorkommt als hierzulande, um die 150 Wildkatzen jährlich geschossen und im Königreich Preußen um die 600 Tiere im Jahr. Das war nur möglich, weil es noch Tausende von ihnen gab. Als man sie 1935 unter Schutz stellte, hatten in Deutschland knapp 300 überlebt, vor allem im Harz und in einigen Mittelgebirgen. Zwar wissen Jäger längst, dass eine Wildkatzeninvasion niemals zu befürchten ist und dass sie auch dem Niederwild nicht schadet. Was erforderlich bleibt, ist die Einsicht der Jäger, auf alle wildfarbenen Katzen niemals zu schießen, da beide, draußen lebend, schwer zu unterscheiden sind, obwohl es viele Unterschiede gibt. Wer erst schießt und dann nachsieht, ist nicht würdig, sich Jäger zu nennen.

Wiedereinbürgerung
Noch im Jahr 1971 ist Hubert Weinzierl von Bayerns Landwirtschaftsministerium die Genehmigung zum Aussetzen eines Wildkatzenpaares versagt worden. Wirkungsvoll und vor den Augen der Presse, hat er sie dennoch ausgesetzt. So mancher Jagdjournalist schäumte damals vor Wut. Dabei war eine Genehmigung gar nicht erforderlich, weil es sich um eine noch vorkommende heimische Art gehandelt hat. Heute arbeitet man recht gut zusammen und etliche Staatsforstämter sind stolz auf ihre Wildkatzen. Hubert Weinzierl hat von dem erfahrenen Günter Worel eine vorbildliche Zuchtstation aufbauen lassen, wo die höchstmögliche Zahl an Jungtieren unter Obhut überlebt. Man wollte auch vermeiden, Tiere für die Wiedereinbürgerung irgendwo der Wildbahn zu entnehmen. In der Pressemitteilung vom 31.12.92 verkündet das Landwirtschaftsministerium, dass man 1992 erneut 17 Wildkatzen ausgesetzt hat und zwar in den Wäldern der Forstämter Rothenbuch und Heigenbrück im Spessart. Insgesamt wurden seit Beginn der Wiedereinbürgerung im Jahre 1984 bereits 220 Tiere in die Freiheit entlassen. Auch die Jägerschaft hat aus der Jagdabgabe dafür 50.000 DM beigesteuert. Weitere Einbürgerungsgebiete sind der vordere Bayerische und Oberpfälzer Wald und der Steigerwald. Zur Finanzierung sucht der Bund Naturschutz weitere Sponsoren, und wer gerne selber "seine" Wildkatze taufen will, sollte gleich Kontakt mit dem Bund Naturschutz aufnehmen und 800,--DM als Patenschaft für eine Katze auf das Wildkatzenkonto 88 44 000 bei der Bank für Sozialwirtschaft BLZ 700 205 00, unter dem Kennwort Wildkatze, einzahlen.

Mit Geduld lässt sich so eine ausgesetzte Katze auch wieder beobachten, weil die ausgesetzten Tiere Peilsender tragen und sie sehr standorttreu sind. Die Kätzin beherrscht und verteidigt nach neuerer Forschung ein Streifgebiet von etwa 50-190 ha. Das Revier des Kuders (männl. Wildkatze) ist mit etwa 800 ha wesentlich größer. Jungtiere werden mit 10 Monaten geschlechtsreif und müssen dann auswandern, um sich eigene Reviere zu suchen. Da tauchen sie dann gelegentlich weitab in Revieren auf, wo es seit Menschengedenken keine Wildkatzen mehr gegeben hat. Im Umland des Harzes sind auf diese Weise alleine 11 Stück unerkannt als vermeintliche Hauskatzen getötet worden. Mittlerweile besteht Verdacht in allen Mittelgebirgen unter 600 m, wo es warme Täler mit wenig Niederschlägen gibt, dass zuwandernde Wildkatzen sich sporadisch ansiedeln könnten. Das gilt auch für das gesamte Tertiäre Hügelland zwischen Bayerischem Wald und Schwarzwald. Voraussetzung sind immer große geschlossene Waldgebiete mit naturnahem Mischwald, mit freundlichen Bachtälern, einer mittleren Jahrestemperatur um die 7 Grad C und warmen, von Sonne verwöhnten Südhängen, wie es sie auch im Süden unseres 5seenlandes gibt. Hier sind mir mehrfach wildfarbene Katzen weitab von jeder Siedlung begegnet. Allerdings war die Entfernung zu groß um völlig zweifelsfrei zu erkennen, dass es sich um Wildkatzen handelte. Der Verdacht, dass es auch im 5seenland Wildkatzen gibt ist durchaus begründet, obwohl die Winter besonders bei Harsch-Schneelagen ungünstig  für sie sind, denn dann bleiben die Mäuse unter dem Schnee und sie kommt nicht heran.

Ab Februar halten Wildkatzen Hochzeit
Der Wald an den Talhängen eines hier geschilderten Gebietes, ist eine Wildnis. Da gibt es die Wurzelteller gefallener Bäume, hohle Stämme, Gestrüpp und Stümpfe einst riesiger Buchen und Eichen, Reisigwälle und Baum-ruinen, die Wirrnis von Naturverjüngung der Eichen, Fichten und Aspen, Birken, Saalweiden und Ebereschen, aber auch Altholzhorste. Pfeifengras und Waldreitgras, Schmiele, Brombeeren und Weidenröschen bilden einen Dschungel mit Adlerfarn und Brennnesseln. Äste, Reisig und Windwurf-Stämme türmen

sich zu verrottenden natürliche Reisighaufen, und die einstigen Gräben sind versumpft, ehemalige Talwiesen verwildert. Da stiebt auf einmal der Tannenhäher kreischend davon, und das Rotkehlchen tickt aufgeregt. Amseln zetern und die gelbe Bergstelze am Schlängel-Bach wippt erregt mit dem langen Schwanz. Im Dürrgras am Hang der Waldwiese scheint ein Stück trockenes Holz zu liegen. Ungewöhnlich ist, dass es sich bewegt, und die Streifen, die ihm ein geflecktes Aussehen verleihen, sind auch nicht durch die Randbäume fallende Sonnenflecken und -kringel. Auf einmal kommt Leben in den vermeintlichen Kloben, und wie eine geringelte Schlange sich windend, duckt sich da jemand, dreht sich, wird lang und wieder kurz und schnellt voran, sich auf etwas stürzend und hat gegriffen. Zwei grüngelbe Lichter glimmen auf, und dann ist es klar, eine graubraun-schwarze getigerte Katze hat eine Maus gefangen und verzehrt sie genießerisch.  Eine wildfarbene Katze ist es, mit verwaschener Zeichnung, die nach der Malzeit im Bach trinkt. Jetzt steht sie aufrecht, stellt die Lunte steif nach oben, reckt den Rücken erst rund und dann wieder lang und gähnt, ehe sie sich setzt und nach Katzenart wäscht.

Zusammen mit der Lunte ist sie etwa 1 m lang. Aber so schwer wie in der Literatur oft behauptet wird, sind Wildkatzen nicht, denn bei Katern beträgt der Mittelwert um die 5 kg, bei der Wildkatzen 3,5 kg. Wenn sie gut angemästet in den Herbst gehen, ist 1/4 davon Feist, der auch in einem mäusearmen Winter eine Weile Reserven gibt. Aber danach sind sie deutlich leichter und manche wird auch verhungert sterben. Hier im Hochwildrevier kommt der Jäger gar nicht erst in Zweifel ob er schießen soll oder nicht, denn er freut sich über seine Wildkatze als Gast in seiner Jagd und ist stolz darauf. Am Bach steht der abgebrochene hohle Stamm einer alten Silberweide, und da muss wohl die Wohnung sein. Die Katze wetzt häufig ihre Krallen an der rauen Rinde. Heute weiß man, dass es nicht um des Schärfens willen geschieht, sondern um Einstand und Revier zu markieren. An den Pranken hat sie Duftdrüsen und bringt beim Kratzen Duftmarken an. Kater markieren auch mit Spritzharnen.

Wohlig schnurrend reibt die Katze den Rücken am Stamm, fährt zurück und schnellt wieder vor, versetzt der rauen Rinde etliche Male mit spitzen Krallen Prankenschläge, bis die Bastfetzen herabhängen und ein dumpfer Modergeruch entströmt. Schnurrend, murrend und maunzend reißt sie Bastfetzen ab, lässt sich auf den Rücken plumpsen, wälzt sich und gleitet dann in die Höhlung des Stumpfes. Darin ist der heimliche Jäger wohl behütet und verborgen, also kann er schlafen wann und soviel er mag. Da schläft die Katze mit zuckender Rute, deren Ende so markant stumpf ist. Die Krallen rutschen aus den Samtpfoten, und im Schlaf trabt sie in ewiger Pirsch. Solange, bis die Sonne herumgerückt ist und die Katze wach küsst. Schnurrend räkelt sie sich in den wärmenden Strahlen und genießt sichtlich am windstillen Ort den warmen Wintertag. Denn trotz ihres dichten Pelzes liebt sie Wärme über alles.

Ende Februar bis in den April hinein packt den Kuder die Unruhe, und er versucht auch vom Revier der Kätzin Besitz zu ergreifen. Sie aber lockt ihn mit sehnsuchtsvollem Liebesgesang. Die einsamen rufenden maunzenden Strophen der sonst so still und heimlich lebenden Kätzin hört er weit und antwortet ihr. Auch nachts klingt ihr Liebessehnen weithin durch das stille Waldtal, und mit urigem Maunzgesang antwortet ihr der Kater. Die Katze streift unruhig mit hochgestellter Lunte umher, markiert mit den Krallen und reibt den Kopf am Hollerbusch und am Eingang zur Höhle. In den  Spätwinter-Vorfrühlings-Wochen ist es einsam im Tal. Selbst die Jäger und Forstleute sind nach der Rehjagdzeit ausgeblieben, denn was soll man schon jetzt in der empfindlichen Kälte draußen. Die Wildkatzen aber scheint die Kälte zu beflügeln, und die rollige Katze wälzt sich immer wieder. Das Liebesduett der beiden lockt aber auch an, was ein guter Kater sein will. Da kann es schon sein, dass ein zuwandernder zweiter Kater erscheint, auch wenn es dem schon anwesenden Liebhaber gar nicht passt. Dann singen die Drei als Trio, und all die großen graubraunen Katzen hocken voreinander und starren sich aus gelbgrünen Augen mit schwarzen Spaltpupillen fasziniert an.

Die Kätzin ist passiv und greift nicht in das Geschehen ein, denn das ist Katersache. Katersache ist es aber auch, die Konkurrenz zu beenden, Katze und Revier einem Kater vorzubehalten. Es muss nicht unbedingt der Jüngere und Schwächere sein, der aufgibt. Wird es einen Kampf auf Leben und Tod geben? Aber der ist der Erhaltung der Art nicht dienlich. Irgendwann gibt einer resigniert auf und trollt sich. Meist begnügen sich die Kater mit diesem ritualisierten Scheinkampf, denn einen Ernstkampf, bei dem die Fetzen fliegen, findet man in keiner Beschreibung von Beobachtern. Es ist wohl eher ein Sängerwettstreit, der zur Hochzeit gehört, auch wenn die Kätzin noch nicht paarungsbereit ist. Ihr ständiges Wälzen hat der Rollzeit den Namen gegeben, denn sie ist jetzt rollig. Der Kuder schaut dann demonstrativ weg. Das alles sind Verhaltensweisen, die wohl die Hitze steigern, aber noch keine Paarungsbereitschaft anzeigen. Mit diesem langen Vorspiel muss der günstigste Moment für die Befruchtung, der Eisprung, abgewartet werden.

Noch immer ist die Kätzin nicht paarungsbereit, und der Kater muss ihr weiter in gebührendem Abstand folgen. Das wiederholte und ausgiebige Putzen der Kätzin gehört ebenso zum Paarungsverhalten wie das so genannte Wegschauen und das gelegentliche Uninteressiertsein des Kuders. Zu dem reichhaltigen Zeremoniell der Ranz gehört auch die Kokettierflucht der Kätzin, wie die Verhaltensforscher sagen. Für die Paarung muss die Kätzin eine ganz bestimmte Stellung einnehmen. Der Deckakt selber dauert nur einen kurzen Augenblick. Ein begeisterter Schrei der Kätzin und das Abschlagen des Katers nach der Paarung, gehören zu jeder Katzenhochzeit, ebenso wie das Genitalputzen. Die Deckakte wiederholen sich mehrmals, bis die Hitze der Kätzin erlischt. Der Kuder beißt dabei in den Nacken der Kätzin, aber es ist nur ein lockerer Griff und verletzt sie nicht. Durch das zurückziehen ihres Kopfes unterstützt der Kater das Durchdrücken des Rückens ebenso wie mit dem Treten der Hinterläufe.

Die Kinder kommen
Mit allen Mitteln bringt manche Katze dem Kuder nun bei, dass seine weitere Anwesenheit in ihrem Revier nicht mehr notwendig ist. Er hat seine Schuldigkeit getan, der Kater kann gehen. Es gibt aber auch Paare, die beisammen bleiben, wo Kater Futter herbei tragen und mit den Jungen schlafen und sich piesacken lassen. Es ist Ende April. Die Sonne erwärmt die Hänge im kleinen Waldtal.

Die Wildente hat ihre ersten Eier gelegt. Ob die von der Wildkatze verschmäht werden, weil sie noch nicht bebrütet sind? Sie soll ja auch Gelege plündern. Außer den Menschen hat die Wildkatze bei uns kaum Verfolger. Wiesel, und der mancherorts vorkommende Uhu können nur Jungkatzen gefährlich werden. Zwischen Fuchs und Wildkatze besteht eine alte Erbfeindschaft. Es kommt selten zu einer Begegnung, denn sie gehen sich grundsätzlich aus dem Weg. Der Fuchs würde gegen ihre scharfen Krallen meist auch den Kürzeren ziehen, denn angegriffen ist sie ein wildes Biest. Hauptgrund für ihre Distanz ist die Nahrungskonkurrenz, denn ihre wichtigste Beute ist bei beiden gleich: Mäuse und nochmals Mäuse.

Die Wildkätzin ist hochträchtig. Sie hat sich für das Wochenbett ihre Höhle in dem alten Stubben ausgesucht. Felshöhlen, Erdlöcher, alte Reisighaufen, und auch mal eine verlassene Waldarbeiterhütte, sind begehrt. Hauptbedingungen sind nahe gelegene Jagdgründe, und absolute Ruhe. Das Lager wird nicht ausgepolstert, muss aber trocken sein. Nach einer Tragzeit von 63-66 Tagen, also 10 Tage mehr als bei der nur entfernt verwandten Hauskatze, haben bei der Kätzin die Wehen eingesetzt. Die Jungen in ihrem Leib strampeln kräftig. Im Gegensatz zur Hauskatze, die mehrmals im Jahr Junge haben kann, wirft die Wildkatze nur einmal. Sobald das Junge geboren ist, beginnt die Mutter, es aus der Fruchtblase herauszulecken. Damit wird der Kreislauf des blind und taub geborenen Jungen angeregt, das Fellchen getrocknet und gesäubert. Fruchtblase und Nachgeburt werden gefressen, die Nabelschnur abgebissen. Es können 2 bis 6 Babys geworfen werden, meist sind es 3.

Schon kurz nach der Geburt kriechen die Jungen im Lager umher. Sie sind aber sehr wärmebedürftig und werden von der Mutter zusammengehalten. Das weiche Fell der Kätzchen hat noch keine Grannenhaare. Durch Belecken der Analgegend werden die Jungen zur Abgabe ihres ersten Kotes angeregt, der von der Mutter gefressen wird, wie vorläufig alle Ausscheidungen. Das Geburtsgewicht liegt bei etwa 40 bis 135 Gramm. Die Kätzin rupft rund um die Zitzen die Wolle aus, damit die kleinen Mäuler leichter trinken können. Das nötige Verhaltensinventar, wie das Suchen nach den Zitzen, ist ihnen angeboren. Ihr feiner Geruchs-, Tast- und Wärmesinn führt sie sehr schnell zum Gesäuge. Während sie trinken, schnurrt die Mama zufrieden. Hinterher kann man gut müde sein und schlafen.

Mit 9 Tagen sind die Jungen noch immer Nesthocker, blind und taub, völlig hilflos und sehr wärmebedürftig. Die meiste Zeit verschlafen sie eng um die Mutter zusammengedrängt auf dem harten, ungepolsterten Lager. Immer ist die Mutter um ihre Sauberkeit besorgt. Nach dem Belecken des Afters, setzen die Jungen ihren Milchkot ab. Noch sind sie zahnlos, aber ihre Augen beginnen sich zu öffnen. Oft ungleich, eines langsamer, das Andere schneller. Die Augen sind noch wässrig blau, die Pupillen noch nicht sichtbar. Sie träumen im Schlaf wie viele Tierkinder. Die kleinen Krallen an den Pfoten besaßen sie schon bei der Geburt. Sie können sie noch nicht bewegen und einziehen. Sie kriechen bis jetzt nur unkoordiniert umher. Wenn sie unruhig werden, sind sie meist hungrig, und noch ist Muttermilch ihre einzige Nahrung.

Die Kätzin kann jetzt auf der Jagd nicht wählerisch sein, sie muss greifen, was sich ihr bietet. Ihr Revier kennt sie genau und ihre Standorttreue erleichtert die Jagd. Aber jetzt braucht sie ein erweitertes Gebiet für erfolgreiche Streifzüge. Die Größe des engeren gewählten Einstandes, ihres Wohngebietes, wird auf 50-60 ha geschätzt. Jetzt braucht sie für mehr Mäuler die 3-fache Fläche. Sie kommt daher nicht zufällig auch an das Fischwasser, denn wie alle Katzen mag sie gerne Fische. Man sagt, ihr Pfotenschlag nach der Forelle wäre so blitzschnell, dass sie mit trockener Pfote fischt.

Kaum alleine gelassen, beginnen die jetzt 30 Tage alten Jungen außerhalb des Baues ihre ersten Erkundungen. Man bemerkt ihre Neugier, aber nur durch Neugier lernen sie beobachten und erkennen. Sie können nun die Krallen einziehen, und ihre Augen reagieren auf jede Bewegung. Auf das Weinen eines verirrten Jungen eilt die Mutter sofort zum Bau zurück, um es einzusammeln. Bei ihrem Trage-Griff am Kragen wird das Junge nicht verletzt. Die Mutter muss es nur richtig fassen, damit eine Tragestarre ausgelöst wird und im Fang der Mutter nicht zappelt. Die Jungen sind kaum noch im Bau zu halten. Ihre Lebendigkeit treibt sie zu immer neuen Unternehmungen und Spielereien.

Auf ihren Streifzügen nutzt die Wildkatze jede sich bietende Deckung, um auch gegen Sicht von oben geschützt zu sein. Pirschend verharrt sie oft, beobachtet mit ihren scharfen Augen, und den Ohren entgeht nicht das leiseste Geräusch. Sie ist kein wilder Verfolgungsjäger. Es stimmt auch nicht ganz, dass sie hoch auf Ästen lauert und ihre Beute von oben anspringt. Die Wildkatze ist ein stiller geduldiger Jäger auf leisen Sohlen. Ihre Jagdmethode ist schleichen, warten, anspringen.

Fast alle Verhaltensweisen, die junge Wildkatzen im späteren Leben brauchen, sind ihnen angeboren, wie das Greifen und Packen der Beute. Übend werden sie verbessert und durch lernen in der Praxis perfekt. Ihr Spiel mit der lebenden Maus ist ein Beispiel. Den richtigen Ansatzpunkt für den tötenden Biss müssen sie lernen. Doch das Anschneiden der Maus vom Kopf her ist angeboren, aber die Orientierung zum Kopfende hin erfolgt durch abtasten des Fells mit den Schnurrhaaren. Am Strich des Haares erkennt das Junge die Richtung. Sein Milchgebiss, 26 Zähne, wie bei allen Greifsäugern, ist mit 3 Wochen noch nicht vollständig. Deshalb macht es Mühe, eine große Beute zu zerkleinern.

Je länger man das Verhalten der Kätzin bei der Jungenbetreuung beobachtet, umso mehr entsteht der Eindruck, dass sie gewisse Handlungen überlegt vornimmt. Die Jungen sind jetzt schon so schwer, dass sie die Kätzin nicht mehr auf die gewohnte Weise transportieren wird. Ihre spitzen Zähne würden nun das zarte Fell verletzen. Weil die Jungen aber sehr schnell lernen, finden sie den kurzen Weg zum Nest alleine zurück. Die Alte bemüht sich, die Jungen so lange wie möglich beim Bau zu halten, denn auf ihren Jagd-Streifzügen würden sie stören. Vor allem aber haben sie noch nicht gelernt, sich von der Mutter auf längeren Ausflügen führen zu lassen. Sie würden sich alle verlaufen.

Etwa 2 1/2 Monate alt, kommen sie mit auf die Jagd. Jetzt sind Ausflüge immer interessant und lehrreich. Ihre Beutetiere aber müssen die Jungen noch kennen lernen. Auslöser für ihr Fangen sind Fluchtbewegungen der Tiere. Sie werden daran vorbeigehen, solange sie es noch nicht als Beute kennen gelernt haben. Sie merken auch, dass ein glitschiger Frosch keine Beute für sie ist. Zwischen 110. und 150. Lebenstag spielen sie besonders aktiv. Beliebt ist das Burgkönigspiel, eine erhöhte Position zu erobern. Aber auch das Katzenknäuel, Bauch an Bauch oder Bauch an Rücken, Ringkämpfe mit zartem Beißen und Scharren der Pfoten sind beliebt, und oft verbinden sie beides mit wilden Verfolgungsjagden. Man spielt auch mit sich alleine, wirft auf dem Rücken liegend, mit allen Vieren einen Zapfen oder ein Hölzchen, aber auch eine tote oder lebende Maus in die Luft und fängt sie wieder auf.

Wohl gibt es Bäume genug im Wald, auf die man klettern kann, doch Klettern will gelernt werden, aber auch Schwimmen im flachen Wasser. Vorläufig kehren sie noch zu ihrem Bau zurück. Bis zum Herbst haben die Jungen soviel Erfahrungen gesammelt, dass sie für sich selber sorgen können. Sie werden sich von der Mutter trennen und wandern, um eigene Reviere zu suchen. Katzen sind Einzelgänger und finden sich meist nur in der Rollzeit mit einem Kuder zusammen. Im Winter werden sie ihr Jugendhaar verlieren, ihr Schwanz wird typisch dick, rund und stumpf werden.

Nicht allen ausgesetzten Wildkatzen gelingt es eine Familie zu gründen. Mehr als die Hälfte wurde unerkannt erschossen oder endete in Fallen, ein Viertel unter Autorädern. Das deprimiert alle sehr, die Wiedergutmachung und Wiederkehr aktiv fördern. Aber auch das natürliche Alter in Freiheit liegt, nach Erforschung mit dem Zahndünnschliff, längstens bei 5,5 - 6,5 Jahre. In Gefangenschaft leben sie 10-13, in einem Fall sogar 16 Jahre. Bei der Nachzucht sind sie damit länger verfügbar, und der älteste Kater hat sich noch mit 11, die älteste Katze mit 10 Jahren fortgepflanzt. Maximal wird ein Katzenpaar in Freiheit im Leben 12 Nachkommen haben können. Da sie heimlich ist, weiß auch keiner genau, was aus den Wiedereingebürgerten schließlich wird und wie hoch alle Verluste waren. Wie viele inzwischen durch Bayerns Wälder streifen, weiß niemand, denn zählbar sind sie nicht. Sicher ist nur, dass ihre Wiederkehr geglückt ist und dass ihre Chance, sich wieder auszubreiten, erst nach dem Fallenverbot besser wird als je zuvor. Noch gibt es nicht mehr viele naturnahe Wälder mit mildem Klima unter 600 m Meereshöhe, auch das begrenzt ihre Chance. Ist ein Lebensraum in Freiheit überfüllt, wandern überzählige Jungtiere immer ab und suchen ein eigenes Revier. Vorläufig sind Wildkatzen leider noch unheimlich seltene und unheimlich faszinierende Tiere der Heimat, auch wenn sie wilde Biester sein können, die sich für nichts in der Welt vom Menschen abhängig machen werden.