Wald: Wisente in freier Wildbahn - Masurische Wildnis in der Borkener Heide

In der Wildnis ursprünglicher Masurischer Wälder hat die Borkener Heide einen ganz besonderen Platz. Wenn wir die Bilder der riesigen Wisente betrachten, bekommen wir eine Ahnung wie unsere preußischen Ahnen zumute war als  sie unzureichend bewaffnet auf einmal vor einem so gewaltigen gehörnten „Ungeheuer“ standen. Als die preußischen Stämme in das Land zogen und in den Gebieten siedelten, wo die großen Pflanzenfresser Rodungsinseln in den

Wald gefressen hatten, da mussten sie zwangsläufig auch dem Wisent begegnen. Als das schwerste einheimische Tier war er nicht zu übersehen, und weil er in Herden lebt erst Recht nicht. Schon in der Steinzeit hat man mit Höhlenmalereien das Jagdglück beschworen und schließlich die Wisente mit primitiven Waffen an vielen Orten bereits ausgerottet. Von einer so riesigen Beute konnte auch die Großfamilie eine Weile leben. Es war sicher nicht einfach, die Wisentherden in den endlosen moorigen Urwäldern aufzuspüren.

Schließlich stand die Jagd auf dieses Wild nicht mehr jedermann zu, sondern war ein Privileg der Fürsten. Wo sie auch immer Wisente antrafen, wie in Bialowieza, haben sie  aus diesem Grund dafür gesorgt, dass die Wildart erhalten bleibt. In der Borkener Heide im Norden Masurens, nahe der heutigen Russischen Grenze war es dafür damals schon zu spät. In Bialowieza, an der Grenze zu Weißrussland wuchs der Bestand hingegen auf 700 Wisente an, von denen später kein einziger überleben sollte.

Erst in unserem Jahrhundert hat ein gewisser „Hermann Meier“ neben Wisenten in der Borkener Heide eine Reihe  Wildtierarten aussetzen lassen, die es heute noch dort gibt. Nach dem Abzug des deutschen Jägermeisters haben sich Biologen aus Polen darum gekümmert, dass Borken eine „Nebenstelle“ von Bialowieza wurde. Die Borkener Heide ist klimatisch und in der Höhenlage mit Bayerns 5-Seenland vergleichbar, nur sind die Wälder dort wilder. Als an der Ruttina, im südlichen Masuren schon der Frühling Einzug gehalten hatte, war in Borken noch tiefer Winter. Weil aber ein Wisentstier am Tag seine 35 Kilo Äsung verzehrt und die Kühe 25 kg, kann man sich vorstellen, was 60 Wisente aus einem Winterwald machen, und wenn er noch so natürlich ist.

Das war sicher der Grund, warum man als Kompromiss eine maßvolle Winterfütterung einführte. Denn die Wisente verteilen sich ja nicht gleichmäßig über die ganze Borkener Heide, sondern stehen beisammen. Wenn man sie aber füttern will, muss man sie auch finden, um sie füttern zu können. Die Ranger benutzen dafür einen Traktor mit Allradantrieb und einen Einachsanhänger. Dem Futter kann man im Bedarfsfall auch Medikamente beimischen.

Die Wisente haben sich an das dumpfe Blubbern des Dieselmotors gewöhnt, und wenn sie Hunger haben, dann suchen sie nach diesem Traktor. Das war unsere Chance sie in den endlosen Urwäldern zu Gesicht zu bekommen. Zwei Bretter auf dem Hänger waren unser ganzer Sitz-Komfort und dann fuhren die Ranger mit uns kreuz und quer im Schnee über gefallene Baumstämme und durch das Dickicht auf der Suche nach der Wisentherde. Es gibt keine Garantie sie zu finden, aber wir

hatten Glück. Dass dieser Hänger etwas mit Menschen zu tun hat, erkennen die Wisente offenbar nicht. Für sie bedeutet das ganze Gefährt einfach Speisung. Sie kommen ganz nahe heran, obwohl sie sonst gegenüber Fußgängern im Wald schon auf 150-200 m die Flucht ergreifen können. Uns Beobachtern mit der Kamera ist vorerst gar nicht so wohl zu Mute, zumindest ist die ungewohnte Nähe der als unberechenbar beschriebenen und als aggressiv bekannten Wildrinder, gewöhnungsbedürftig. Mit 70 mm Brennweite bekomme ich bei einigen Versuchen gerade den Kopf des Tieres auf das Bildformat. Dem ersten Wisent sind rasch weitere gefolgt, und ehe wir uns versehen, kesseln sie uns ein. Sie drängen sich durch das Dickicht und Gestrüpp der Haselbüsche, die im Unterholz stehen. Sie trampeln alles nieder und kommen direkt auf uns zu, das Haupt hoch erhoben, schauen sie uns tief in die Augen. Ja ihre dunklen braunen Augen schauen gar nicht so nervös, sondern es ist ein ruhiger sanfter Blick.

Das Dunkelbraun der Nasen ist nach oben hell abgegrenzt. Tief ziehen sie die Luft ein und blasen etwas beunruhigt. Wisente wittern vorzüglich, und auch ihr Gehör ist scharf. Hingegen äugen sie nicht so besonders, nehmen aber Bewegungen wahr, besonders aber die vor dunklem Hintergrund. Die feuchte Luft, die sie auslassen verdichtet sich zu einem Nebel als wollten sie sich strategisch einnebeln. Über der ganzen Herde schwebt eine Dunstglocke, denn in der Mulde, wo sie jetzt stehen, ist es bitter kalt.

Grau verhangen ist der Himmel und obwohl den Bäumen die Blätter fehlen, ist es nicht gerade licht im verschneiten Winterwald. Wären es nicht digitale Fotos, mit Film hätte man die dunkelbraunen Tiere in diesem Licht gar nicht fotografieren können. Doch bei den zwangsläufig langen Belichtungszeiten, ist das Schütteln des Dieselmotors, das sich auf den Hänger überträgt, sehr lästig und  manches schöne Motiv verwackelt. Überlegungen, auszusteigen und außerhalb zu fotografieren, werden rasch verworfen. Denn  die meisten der Tiere, die uns jetzt auf dem Hänger nicht wahrnehmen oder registrieren, würden schlagartig davon flüchten. Wir kennen natürlich auch die Geschichte mit dem Leitbullen, die gerade wenige Wochen zurück liegt. Dieser Leitbulle war nicht geflüchtet,  sondern er hat den Fotografen der vom Anhänger abgestiegen war, sofort angegriffen, hatte das Horn unter seine edlen Teile eingehängt und hatte den Mann mit Schwung hinauf in die Baumkronen befördert. Wir haben den Schädel dieses Bullen schon vor unserer Pirschfahrt in den Händen gehalten und haben die Geschichte zur Warnung vernommen. Der Leitbulle hatte es nicht überlebt, denn man hat ihn erschossen, weil er immer wieder als unberechenbar und aggressiv aufgefallen war. Der Angegriffene hat es überlebt, nachdem man ihn herabgeholt hatte. Seit dieser Stier aber weg ist, gibt es Unruhe in der Herde, was zu verstehen ist, weil ja jeder der Jungstiere die Nachfolge des Alten antreten will. Vergessen wir auch nicht, warum man den Wisent in unseren Wäldern nicht dulden will. Sie sind weit gefährlicher als ein harmloser Bär oder als ein Rudel Wölfe. Schreibt doch schon Konrad Celtis, der im Dienst von Kaiser Maximilian I. stand über Wisente folgendes:

„Das ist eine absonderliche Gegend in der die zottigen Wisente und starken Auerochsen leben. Der Wisent ist ein schreckliches Tier mit geringen Gehör, feuerwerfendem Blick, verbogenen Hörnern; schwarzem Haar, struppiger Stirn und klobigem Leib. Der lange Bart hängt auf dem aufgedunsenem Hals. Begegnet ihm ein feindlich gesinntes Wesen, reißt er es hoch mit seinen Hörnern, um es in die Luft zu schleudern. Ist er

böse, zermalmt er es als rings-herum. Mit seiner Stirn schlägt er sogar Bäume um.“ Konrad Gessner beschreibt 1606 in seinem „Thierbuch“ den Bison reterum, den Wisent: „Dass er heßlich, scheußlich, rauchhaarig, mit diesem langen Halshaar“ sei. „in summa gantz wild und ungestaltet.“ „Zwischen den Hörnern ist die Größe von zwei gute Weckschuch breit“. „Dieser Ochs ist ein grimmiges Thier/ auch gleich seinem ersten äußerlichen Anschauen nach zu förchten“. „So werden diese wilden Ochsen in Slavonia, Ungeren und Preußen gefunden und gejagt.“

Unsere Wisentjagd vom Traktor aus scheint harmloser zu sein. Denn in dieser großen Herde versammeln sich zwischen 30 und 50 Tiere, in denen alles vertreten ist: die jungen Bullen und die Muttertiere, die ihre Kälber damit schützen, dass sie zwischen ihnen stehen. Denn in diesem Wald sind die Wisente nicht allein. Es gibt hier in der Urwaldwildnis auch Wölfe, Luchse und Wildschweine.

In dem Wald der Borecka Pussta gibt es riesige Bäume in allen Altersstufen. Verjüngung steht neben undurchdringlichem Dickicht und mehrhundertjährigen Baumriesen, die verrotten, auf den Wurzeln. Verrottendes und darauf die Saat neuer Bäume. In der Artenvielfalt dieses Landes stehen nebeneinander Eichen und Eschen, Ahorn und Birken, Espen und Weißbuchen, Rotbuchen und Wildkirschen, Kiefern und wenige Fichten. Haselsträucher erreichen in ihren Stämmen die Dicke eines Männerschenkels und sind dann häufig innen hohl. Die Vielfalt der Blütenpflanzen in den Lichtungen, in denen die Bäume durch die Wisente vernichtet wurden, lässt sich nur ahnen. Die Pflanzenvielfalt müsste man im Frühling und Sommer sehen.

Von den 60 bis 70 Wisenten, die es hier gibt, folgen uns 30 bis 40. Ich finde nicht die Zeit sie zu zählen, aber auf den Bildern bin ich auf diese Zahl gekommen. Sie folgen unserem Fahrzeug-Gespann bis etwas sie erschreckt, womit wir nicht gerechnet hatten.

Gerade will ich über die Sitzbank klettern und stehe nur auf einem Bein, als der Traktor mit einem Ruck anfährt und wieder hält. Ich aber fliege im hohen Bogen hinunter vom Anhänger, den Wisenten vor die Schnau-ze, mit dem Gesicht und der Kamera in den Schnee und bleib mit den Beinen verdreht auf dem Anhänger hängen. Es knackt vernehmlich im Rückrat, ein stechender Schmerz und für einen Moment fürchte  ich Schlimmeres als nachher der Wirklichkeit entspricht. 

Die Wisente freilich fürchten sich, als unerwartet alle meine Begleiter auftauchen, um erste Hilfe zu leisten. Sie haben weder mich, noch sonst einen auf die Hörner genommen, obwohl sie in der Überzahl waren. Das Naturerlebnis Wisent freilich war für alle jetzt zu Ende. Langfristig gesehen ist mir nichts Ernsthaftes passiert, ausgenommen, dass die Prellung die nächsten Tage wenig erfreulich machte, bis ich zurück in Bayern war.

Eine Woche später waren wir noch einmal im Borkener Wald bei den Wisenten. Ob die nun erschreckt waren und darum beleidigt, oder ob sie an den Folgen der Entwurmung litten, die inzwischen erfolgte, wird schwer zu ergründen sein. Denn bis auf 2 junge Bullen war die ganze Schar der Wisente ausgeflogen und vorerst verschollen.

Die beiden Jungbullen sind wir erst mit dem Traktor aber dann zu Fuß angegangen. Für mich mit schmerzendem Kreuz keine wahre Freude. Die zwei Jungbullen haben uns auch nichts geschenkt, denn inmitten der „wilden Wohld“ war es nicht einfach sie unter Beachtung des Windes anzupirschen und keine Geräusche zu machen. Sie waren auch ausgenommen scheu und sind schon hochflüchtig mit Karacho abgesprungen, wenn sie uns auf 150 oder gar 200 m bemerkten. Dennoch gelang es mir im dicksten Gestrüpp, sie einige Male so nahe anzupirschen, dass ich auch diese beiden noch mit dem 200 mm Objektiv fotografieren konnte. Sie mit dem großen Objektiv anzugehen hatte keinen Sinn, denn einmal ist das Objektiv dafür zu schwer und unhandlich. Dann aber war es auch zu lang in der Brennweite. Denn der Witz der Sache war ja, dass man im Gestrüpp nahe heran musste, weil auf größere Entfernung nichts zu machen war. Lehrreich war diese Pirsch dennoch. Ich aber habe begreifen gelernt, dass die „mächtigen Ungeheuer“ keine trägen, dicken und pummeligen Tiere sind. Sondern hochrasante und empfindliche Wildtiere, die nicht im Gehege, sondern in Freier Wildbahn leben und mit hohem Tempo davonbrausen, wenn man nicht alle jagdlichen Regeln der Pirsch und Tarnung beachtet, die man ein Leben lang gelernt hat.

Wolfgang Alexander Bajohr