Wald: Wisente - Sehnsucht nach Wildnis
von Wolfgang Alexander Bajohr

Unsere Sehnsucht nach Wildnis erfüllt sich immer dann, wenn wir großen Wildtieren in der Freien Wildbahn gegenüber-stehen und ihnen Auge in Auge begegnen. Natur pur finden wir immer dort, wo Wolf, Luchs und Bär sich einfinden, wo wir dem Uhu und den Adlern zuschauen, oder wo der gewaltige Wisent den Boden aufwühlt und ärgerlich stampft. Dort, wo es in der Freiheit unendlicher Wälder

Bäume jeden Alters gibt, wo es eine phantastische Umwandlung zu einem harmonischen Ganzen gibt. Der große braune Bär ist immer gefragt, aber es gibt ihn in Masuren leider nicht mehr. Wildnis ist wie er, schön und ein wenig schrecklich zugleich. Doch Luchs, Wolf und Adler sind allgegenwärtig und der gewaltige Wisent auch. Er ist in der Johannisburger Heide und im Borker Wald  eines der traditions-reichen Charaktertiere für Masurens Wildnis. Schon die 1000 Jahre vor Chr. hier sesshaft gewordenen Galinder jagten Wisente im preußischen Kernland. So ist der Wisent das größte Charaktertier von Masuren geworden. Man jagte ihn dort solange man denken kann, aber keiner hatte ihn hier ausgerottet. Erst die beiden Weltkriege, in denen Masuren und Nordostpolen ein Schlachtfeld wurden, sind auch gefährlich für Wisente gewesen. Nur 56 Wisente, die letzten einer Art, haben den 1. Welt-Krieg lebend überstanden. Es sind 27 Bullen, 20 Kühe, darunter 5 Bullenkälber und 5 Kuhkälber. Eine Anzahl, die erschreckend klein ist und angesichts des engen Genpools noch keine Dauer-Garantie bedeutet, ob der Versuch gelingt, die Art zu retten.

Am 25. und 26. August 1923 wurde im Zoologischen Garten in Berlin die internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents gegründet. Rund 50 Biologen, Tierärzte und Freunde des Wisents, folgten dem Ruf von Dr. Kurt Priemel und Prof. Lutz Heck. Trotz aller Reise-Erschwernisse sind alle gekommen, weil der Anlass wichtig war.

Das Ende der Wisente im Osten
In Ostpreußen wurden schon 1726 gerade noch 117 Wisente gezählt. Zwischen 1726 und 1742 wurden in Ostpreußen noch 42 Tiere dieser Art gefangen oder erlegt. In Bialowies, das zu jener Zeit von Litauen verwaltet wurde, hat man sie damals im Winter noch mit Möhren, Futterrüben, Getreide, Silomais, Heu und Futtergranulat

gefüttert. Die Jagd auf den Wisent war für die einst hier herrschenden Fürsten reserviert. Vielleicht erklärt das den Klassenkampf, der später auf dieses herrschaftliche Wildtier übertragen wurde. Mit der ersten Teilung Polens kamen auch die Gehege mit den Wisenten zu Russland. Damit die Wisente ihre Ruhe haben, hat Zar Alexander I. sogar die Holz-Nutzung in dem Verbreitungsgebiet verboten. Bereits 1857 stieg die Zahl der Wisente auf 770 Tiere an. Im Jahr 1910 war die Folge des Überbestandes an Wisenten eine Viruserkrankung. Im Jahr 1918 waren es durchschnittlich 150 Wisente. Jedoch im Jahr 1915 und 1918 setzte das große Schlachten ein.

Krieg auch gegen die Natur
Ziemlich genau dort, wo die vereinigten Heere der Polen, Litauer und Preußen einst im Jahr 1410 die Ordensritter vernichtend geschlagen hatten, ging auch dieser 1. Welt-Krieg nahe Grunwald dem Ende zu. Es war vorhersehbar, dass Bialowies genauso wie das südliche Masuren und dort auch die Johannisburger Heide Kriegsschauplatz

wurden, damit also auch die Lebensräume der Wisente. Die Soldaten der Deutschen hatten Anweisung vom Generalstab, die Wisente zu schonen, aber auch sie hielten sich teilweise nicht daran. Für die nach der verlorenen Schlacht flüchtenden Russischen Soldaten war es eine Existenzfrage, sich etwas zu Essen zu schießen. Für die Bauern gar, die bis dahin Wisentgebiete nicht betreten durften, waren die Kriegswirren ein willkommener Anlass zu wildern. Aber auch unter den deutschen Truppen gab es Trophäenjäger, die ihre Chance wahrgenommen haben, einmal im Leben einen Wisent zu schießen. Schließlich, nach Ausbruch der Revolution, wurde auch noch der verbliebene Rest von 200 Tieren gnadenlos zusammengeschossen. Damit ging noch etwas unter, das waren die in Bialowies angesiedelten Überreste der kaukasischen Unterart, die als Mischling wenigstens latent noch vorhanden war.
Doch auch beim Fürsten Pless in Oberschlesien hat die gnadenlose Verfolgung ganze 3 Tiere übrig gelassen. Alles Übrige wurde gewildert. Die Wisente bei Graf Arnim von Boitzenburg in Boitzenburg Uckermark, hatten es besser. Hier überlebten wenigstens 6 Tiere.

Der Untergang in Persien und am Kaukasus
Hofrat Pfizenmeyer aus Stuttgart war früher Kustos am Kauka-sischen Museum in Tiflis. Er berichtet über Wisente, die möglicherweise aus den aufgelassenen Tierparks persischer Khane stammten. Ein solcher Park sei auch in der Nähe von Rescht gewesen. Es ist auch bekannt geworden, dass Treibjagden in den Wisentgebieten des

westlichen Kaukasus die Tiere zu weiten Wanderungen veranlasst haben. Im Tifliser Museum war die Decke eines bei Suchum geschossenen Wisents ausgestellt. Er sagte weiter, dass das eigentliche Reservat 525.000 ha groß war. Doch waren die Wisente weit verbreitet und einzelne Stücke wurden in großen Entfernungen davon erlegt. Der Bestand hatte sich von etwa 600 Stück im Jahr 1909 bis zum Beginn des Krieges auf 750-800 Stück gehoben. Nach dem Zusammenbruch wurde furchtbar unter den Tieren gewütet. Mit Maschinen-gewehren wurde unter ihnen aufgeräumt. Ganze Regimenter wurden zu Treiberdiensten gedungen. Allenfalls versprengte Tiere blieben übrig.

Prof. Matschie und Heinz Heck haben von Friedrich Falz-Fein, aus Askania Nova die Mitteilung erhalten, dass vor längerer Zeit Kaukasus-Wisente in Bialowies ausgesetzt worden seien. Ob durch diese kurzwolligeren, hochbeinigeren und kürzer gebauten Tiere das Auftreten zweier Formen in Bialowies veranlasst sei, möchte man nicht entscheiden. Es ist auch nicht auszuschließen, dass generell zwei Formen vorkamen, der Unterschied also nicht auf die Vermischung mit Kaukasus-Blut zurückzuführen sei. Nach all den Komplikationen ist unwahrscheinlich, ob das noch geklärt werden kann.

Der heutige Bestand in der Johannisburger Heide geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Aussetzungs-Aktionen während der Nazi-Zeit im 2. Weltkrieg zurück. Denn einem gewissen Hermann Meier ("Reichshegemeister") wird nachgesagt, dass er es veranlasst hätte.

Zur Wisenthaltung in Boitzenburg
Im Oktober 1921 erhielt Boitzenburg aus Stellingen den überlebenden Restbestand. Einen alten kaukasischen Bullen und eine ältere Kuh in miserablem Ernährungszustand. Die Kuh geriet in der ersten Nacht in einen Sumpfgraben und ertrank. Der Bulle konnte gerettet werden und erholte sich langsam. Im Januar 1922

beschlug er eine Kuh und nach 9 Monaten wurde ein Kalb geboren. Später wurden noch Berliner Stücke erworben, die kein Kaukasusblut hatten. Alle Tiere nahmen Grünäsung an und verzehrten jede Grasart, Schachtelhalm und Disteln werden verschmäht. Schilf nehmen sie gerne an, ebenso Eicheln und Kastanien. Unangenehm ist starker Schälschaden an Laubhölzern. Nadelbäume werden gemieden. Der Fortbestand eines Erlenbruchs wird geradezu gefährdet. Auch freiliegende Wurzeln werden geschält. Gegen Regen und Kälte sind die Tiere unempfindlich. Das Kalb saugt noch mit 1 Jahr. In anderen Gebieten, wie auch Bialowies ist von Schafen eingeschleppte Distomose ein Problem, ebenso die über Wasserschnecken in den Brüchen als Zwischenwirt verbreiteten Würmer und Leberegel.

Nach dem 2. Weltkrieg
Bis zum 2. Weltkrieg hatten sich die Wisentbestände weltweit erholt. Obwohl auch dieser Krieg große Opfer forderte und einzelne lokale Bestände total zusammengeschossen wurden, ist die Situation weniger ernst gewesen. Weltweit gab es inzwischen Bestände, die total überlebten, wie z.B. in Schweden oder in Springe. Trotz schmerzlicher Verluste ist niemals wieder eine so akute Gefährdung eingetreten wie nach dem 1. Weltkrieg.

Wisent-Tod und Halali
Man kann es sich heute sogar wieder leisten, überzählige Tiere jagdlich zu nutzen und die bei Trophäenjägern erzielten Gewinne in die Hege der Art zu investieren. Diese Form einer Trophäenjagd mag manchen zum Kopfschütteln veranlassen, weil es eigentlich keine Jagd ist. Denn alte oder kranke Tiere

werden mit Fahrzeugen herangebracht und an bestimmten Stellen in der Wildnis frei ge-lassen. Für den Trophäenjäger ist ein solcher Abschuss todsicher und von Erfolg gekrönt. Er hat seinen Wisentbullen an der Wand und für die Kriegskasse des Naturschutzes ist er allemal ein Gewinn. Denn gestorben wären diese Tiere ohnehin. Jetzt bläst man dem Einzeltier auf dem Plesshorn noch ein letztes Halali.

Quelle: Dr. K. Priemel, Frankfurt, Bericht über die Gründungstagung der Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents. 25./26.8.1923 im Zoologischen Garten Berlin.