Wald: Die grauen Hunde Gottes - Wölfe zwischen Mythos und heutiger Zeit
 von Wolfgang Alexander Bajohr

Seit Zehntausenden von Jahren lebte der Wolf rund um den Norden dieser Welt. Er hatte noch keinen Namen, doch er existierte einfach. Damit war er von allen das erfolgreichste Säugetier mit der größten natürlichen Verbreitung. Noch heute reicht sie von den Eismeerküsten und Tundren des hohen Nordens in Europa, Asien, Amerika und den Inseln der Arktis bis weit in die Wüsten und Steppen der subtropischen Regionen des Südens hinein. Aber die

  

Landkarte hat große Lücken bekommen, und sie gleicht mit ihren Verbreitungsinseln den Flecken eines Leopardenfells. Selbst in den russischen Staaten sind es seit Ende des Krieges um 80 % weniger und in anderen Ländern leben nur noch kleine Reste. Dabei ist es nicht die Jagd, die sein Ende bedeutet, denn Jagd wäre nachhaltige Nutzung des Naturgutes Wolf, sondern es ist seine gezielte Vernichtung. Da ist es erstaunlich, dass sich ein Land wie Litauen das Vorkommen von etwa 600 Wölfen leistet, ein Land von der Größe Bayerns, in dem nur etwa 3,5 Mio. Einwohner leben, die noch immer nicht die Folgen von 50 Jahren Sowjetischer Besatzung überstanden haben.


 


Dabei lebt der Wolf dort oft, wie auch heute noch in vielen Ländern, in unmittelbarer Nähe des Menschen, ohne dass man ihn recht bemerkt. Er ist aber weit weniger Regulator von Wildtieren als wir glauben, sondern er ist meist abhängig von den Menschen und dessen Nahrungs-Resten, aber auch von seinen Herden. Häufig lebt er von diesen Resten, und die übrige Zeit des Jahres geht es ihm eher kümmerlich. Er nährt sich kaum anders als der Fuchs, so dass er für den zur Konkurrenz wird, aber als Konkurrent wird er auch zu seinem Regulator. Die fernwandernden Wölfe, die immer wieder in den Westen finden, sind Aussteiger aus dem Rudel, zuweilen Jungtiere, aber auch Abgekämpfte, die das Rudel verletzt verlassen haben, zuweilen Alfawölfe, die ihre Herrschaft eingebüßt haben. Auch die überlebenden des Rudels im Bayerischen Wald

sind heute 15 Jahre alt, und von dem einst stolzen Rudel sind ganze 4 Veteranen übrig. Bei all denen ist nicht mehr viel übrig von der stolzen Sozialgemeinschaft, deren Zusammenarbeit, Kraft und Strategie es erst möglich macht, auch großes und wehrhaftes Schalenwild zu überwältigen und damit Nahrung im Überfluss zu schaffen.


So sind denn auch irgendwo am Rand des Eises vor 20.000 Jahren schon Mensch und Wolf zusammengetroffen, denn beide jagten die gleiche Beute. So haben beide schnell erkannt, dass für Mensch und Wolf ein gemeinsam jagendes Rudel nützlich sein kann. Wer den ersten Schritt getan hat, ist nicht verbürgt. Doch schildert Mech in seinem Buch von den Weißen Wölfen, dass nicht er


 

die Wölfe fand, sondern dass sie ihn fanden und sich auf einmal ein friedlicher Dialog zwischen Mensch und Wolf entwickelt hat. So etwa kann es damals auch gewesen sein. Auch heute noch sitzen die Schlittenhunde zwischen ihren Reisen angekettet draußen in der Tundra, wo sie ganz zwangsläufig Besuch vom Wolf erhalten, der von ihrem Futter naschen will. So werden die Rüden zuweilen auch zum Handkuss verlockt, und man sieht es dieser urtümlichen Rasse der Eskimo-Schlittenhunde auch an, dass zuweilen der Vater ein weißer Wolf war. Mag es nun 20.000 Jahre oder nur 15.000 Jahre her sein, eines ist gewiss, dass sich der Dialog zwischen Mensch und Wolf, dem künftigen Jagdgefährten, so entwickelt hat. Gewiss waren es immer die Vertrautesten und die Zahmsten, die blieben, während andere wieder ihrer Wege gingen. Wir wissen nicht genau, ob auf diese Weise der Wolf sich selbst oder ob der Mensch ihn zum Hund gezähmt und schließlich diejenigen domestiziert hat, die als Aussteiger den meist angenehmeren Umgang im Menschenrudel, den gnadenlosen Herrschaftskämpfen im Wolfsrudel vorgezogen haben. Mit dem Ziel der gleichen Beute, sind so Konkurrenten zu Kollegen geworden.

 
 


Zum Hunde domestiziert, hat der Wolf eine neue Unterart  bekommen: den Hund. Als solcher hat er nun eine noch weitere Verbreitung gefunden. Er fand sie überall, überall in der Welt, wo Menschen leben, die Hunde brauchen, schätzen oder auch lieben. Das ist eine Entwicklung, die es vergleichbar bei keinem anderen Tier gegeben hat. Vergleichbar ist der Wolfsnachfolger Hund nur mit dem Menschen selbst. Beliebt und geliebt wird der Wolf

„Hund” wie kein anderes Geschöpf. Zuerst war er nur Spielgefährte der Frauen und Kinder, da es aber auch noch keine Windeln gab, war er für deren Hygiene wichtig. Erst dann entdeckte der Mann ihn als Jagdkumpan, aber auch als Beschützer für sich und die Herden. Zusammen mit dem Menschenrudel sind diese Jagd- oder Hirtenhunde stärker als selbst der stärkste Bär. Wer mit dem Hundeschlitten reist, ist auch heute noch vor dem Polarbären sicher, der sich gerne neugierig nähert und darum oft getötet wird. Drei Hunde jagen ihn in die Flucht, und keiner muss ihn schießen. So ist seit alters her in der Mythologie der wilde Wolf eine gute, ja eine gottähnliche Erscheinung, die der Schamane verehrt hat. In jene Vorzeit reichen auch die Sagen und Mythen vom Wolfshirten zurück. Uns mögen sie heute dämonisch dünken, in der Urreligion der Schamanen fand das alles einen Niederschlag. Doch so abwegig ist das alles gar nicht, denn die Seeleneinheit und Liebe, die den Menschen und seine zahmen Wölfe verbunden hat, lebt in jedem Hundefreund noch heute weiter. So sind aus dem Wolf auch die grauen Hunde Gottes geworden. Wie könnten wir heute erklären, dass es eine Wolfsherde ist, also ein Wolfsrudel, das  der Wolfshirte hütet? Und die Begleiter des Germanengottes Odin sind Wölfe. Denn es ist schon Odin, der mit seinen Wölfen zusammen gejagt hat. Und in der Sage heißt es, dass Romulus und Remus ihre freundliche Wölfin gefunden haben, bei denen sie saugten und aufgewachsen sind. Wäre es anders gewesen, vielleicht wäre die Stadt Rom nicht gegründet worden?

 


Ein Hundefreund begreift das alles recht gut. Unbegreiflich alleine ist, wie der abgrundtiefe Hass gegen den plötzlich als bösartig dargestellten wilden Wolf entstanden ist, obwohl der gezähmte Wolf beliebter ist als jedes andere Tier. Man hat offenbar den wilden Wolf geradezu gehasst, denn anders lässt es sich nicht erklären, dass man ihn oft so grausam gequält und geschunden hat, bevor man ihn tötete. Im Eisen hat er Marter genug erduldet,

aber man hat ihn außerdem noch gehängt und verbrannt, lebend gehäutet und langsam zerrissen, mit der Wolfsangel gefangen, erschlagen, qualvoll vergiftet mit Strychnin, aufgespießt und geschossen. Unfassbar ist der Rufmord und das Gerücht, dass er nicht nur Ziegen, Schafe und Rinder reißt, sondern einsame Weiler überfällt und Türen eindrückt, ja ganze Dörfer belagert und alles zerreißt, was sich fressen lässt. Selbst Frauen und Kinder soll er verzehren, bevorzugt aber Großmütter und kleine Ziegen. Dazu noch kleine Mädchen mit roter Mütze im Wald anmachen und im Bett der Großmutter fressen.
Wir bringen diese Weisheit ja heute noch unseren Kindern im Märchen bei, das eben ein Märchen ist. Indianer und Eskimos haben diesen Hass auf Wölfe nie gekannt, obwohl sie gelegentlich der Felle oder Abschussprämien wegen auf sie Jagd machen. Ihre Vorstellungswelt vom Wolf deckt sich weitgehend mit der heutigen ökologischen Vorstellung. Die Jäger im Norden Schwedens stehen den Wölfen durchwegs freundlich gegenüber. Ein Problemtier ist er nur für die Rentierzüchter, die ihn dort noch immer gnadenlos verfolgen, obwohl er unter Naturschutz steht.


Sesshaft werdend hat der Mensch sich an allen Fronten gegen die Natur gewehrt, hat sie als Feind gesehen und hat sie sich untertan gemacht, wie die Bibel es vorsieht. So ist auch der Wolf zusammen mit der feindseligen schwer zu bändigenden Natur zum Sinnbild des Bösen und Teuflischen geworden. Vor allem in Notzeiten und in Kriegen, wenn die Männer fort waren, Frauen und Kinder ihre Herden alleine beisammen halten mussten, haben sich


 

die Horrorberichte gehäuft. Denn vor allem die Kinder haben die Herden gehütet und erlebt, wenn die Wölfe Vieh gerissen haben. Da haben sie dann natürlich die Sache mit viel Phantasie erzählt, weil sie den Schrecken mit Phantasie anfüllten und so viel furchtbarer erlebt haben. Jeder, der es weitererzählt hat, wird dann ein Stück dazugedichtet haben, und so ist aus der Wirklichkeit das Märchen oder die Volkssage geworden. Einer wirklichen Überprüfung hätte die Geschichte sicher nicht standgehalten, die jetzt zur Fabel wurde. In Amerika, wo es seit jeher viel mehr Wölfe gab und noch gibt als in Europa, ist in den letzten 200 Jahren nicht ein einziger Fall von einem ernsthaften Wolfsangriff auf Menschen bekannt geworden.


Man darf natürlich nicht übersehen, wie bitter arm die Menschen damals noch waren, die ihr Vieh in den Wald treiben mussten, weil auf dem guten Land der Grundherr seine Weiden hatte. Sie trieben es geradeswegs den Wölfen in den Rachen. Denn die große Zahl der Wölfe im Mittelalter wäre im Natur-Urwald gar nicht möglich, weil die natürliche Nahrung dort fehlt. Denn in natürlicher Wildnis des Waldes gibt es gar nicht so viele Beutetiere wie sie ein Wolfsrudel braucht. Erst das optimale Nahrungsangebot der Waldweide hat mehr Wölfe ernähren können. Da es aber auch dauernd Kriege gab, lässt es sich denken, dass sich nach verlorener Schlacht nicht nur der Fledderer an den Leichen, sondern auch der Wolf  bedient hat. Sicher hat er am Schindanger auch die Gehenkten und Geräderten gefressen, wenn er sonst nichts gefunden hat, denn ehe er mühevoll jagt, nimmt er auch Aas, wenn es sich bietet. So hat man ihn wohl zuweilen Menschen fressen sehen, und damit ist er in den Ruf des Menschenfressers gekommen, obwohl er sie nicht getötet hatte. 

Die wirkliche Gefahr für die Menschen der damaligen Zeit liegt tatsächlich im Angriff auf das Vieh. Bei den gut behüteten und mit großen Hirten-Hunden bewachten Herden der Grundherren hatte er da wenig Glück, bei der Waldweide umso mehr. Riss er nun die wenigen Schafe und Ziegen oder die einzige Kuh, so war das für eine arme Familie der Ruin, der für die Menschen und ihre vielen Kinder sehr wohl den Tod bedeuten konnte.

 


Dabei hatten die Bauern oft nicht einmal das Recht sich gegen den Wolf zu wehren, weil die adeligen Grundherren ihm viel lieber zu ihrem Vergnügen auf Wolfsjagden nachjagen wollten als ihn auszurotten. Hätten die damaligen Jäger nicht die Hand schützend über den Wolf gehalten, hätte man ihn vielleicht schon früher ausgerottet. Denn es waren nicht die Jäger, die ihn vernichtet

haben, obwohl sie ihn jagten. Genauso wie bei den anderen großen Beutegreifern Bär und Luchs, waren es Abschussbeamte und Menschen, die ein ganzes Jahr von ihrer Abschussprämie leben konnten. Endgültig verloren war die Schlacht für den anpassungsfähigen Wolf aber wohl auch, weil er selbst in den letzten Winkeln der Wälder keine Ruhe mehr gefunden hat und schließlich immer weniger Vieh in den Wald zur Weide getrieben wurde. So ist es auch heute zweifelhaft, ob die zuwandernden Wölfe bei uns geblieben wären, wenn man sie nicht geschossen hätte. Der Schaden am Vieh lässt sich aus einem Naturschutzfond regulieren, so dass er niemand mehr die Existenz ruinieren würde. Im Wald dagegen findet er mehr Wild als je zuvor, ein Vielfaches von dem, was er braucht. Vielleicht würde es ihm also doch gefallen? Gewiss kann der Mensch ohne Wolf leben und ohne Bär und Luchs auch. Aber schöner wäre es halt, wenn es sie alle noch oder wenn es sie wieder geben dürfte. Das aber unterscheidet uns von all den Ländern, in denen es heute noch Bären und Wölfe gibt. Dort ist die Tradition nie abgerissen, denn es hat diese Tiere immer gegeben.


Wie eingangs schon erwähnt, hat der Wolf nur darum zum Hund werden können, weil er den Menschen nicht floh und sich ihm angeschlossen hat. Genau genommen ist das auch heute noch dort so, wo es frei lebende wilde Wölfe in Europa gibt. In den Abruzzen unweit von Rom, in Spanien, Griechenland und Jugoslawien, im Norden von Schweden und Litauen. Vielfach leben Wölfe heute also in Gebieten, wo es wenig Wild gibt. Das sind von Natur aus ursprüngliche Wälder, oder Gebiete, wo der Mensch es ausgerottet hat. So bietet sich für den Wolf die beste Chance dort, wo es heute noch Hirtenkulturen in einsamen und für den Massen-tourismus wenig zugänglichen Bergregionen der Mittelmeerländer mit großem Schafauftrieb gibt.


 

Wo es die großen grimmigen Hirtenhunde gibt, traut sich der Wolf an die Herde nicht heran, und für die Hirten ist er oft ein alltäglicher Anblick. Aber er profitiert doch von den Herden, denn dort hält er Nachlese. Mal ist es ein verirrtes Lamm, viel häufiger eine Nachgeburt oder Reste von der Malzeit. So ist es heute seltsam genug, dass der wilde Wolf in Europa nicht in unberührter Wildnis zu finden ist, sondern in der von Menschen extensiv genutzten Kulturlandschaft zwischen Herden von Schafen und Ziegen. Ein Wolf, der zwar ein Lamm frisst, aber auch Spagettireste und Kotelettknochen mit Tomatensauce aus dem Müll klaubt oder sich Katzen fängt, Nachgeburten einsammelt und mit konkurrierenden streunenden Hunden rauft, passt nicht so recht in unser hehres Bild vom stolzen Leitwolf und König des Rudels in Tundra und Urwald. Es passt aber auch nicht in das heroische Kriegsbild vom bösen, Rotkäppchen fressenden Wolf und Feind des Menschen. Ja, in Rumänien dringt er, wie neuerdings mit Nachtsichtgeräten gefilmt wurde, in die Städte ein und frisst seelenruhig die Müllcontainer leer, geht aber den Menschen aus dem Weg. Unmerklich hat sich der Wolf gewandelt. Einst war er Symbol eines harmonischen Umgangs mit der Natur, jetzt ist er zu einem Symbol des Menschen für die ausgebeutete und vergewaltigte Natur geworden.

 


Aber seine Chance scheint zu wachsen. Mit zunehmender Flächenstilllegung in Europa und extensiverer Landwirtschaft hat der Wolf noch oder wieder eine Überlebenschance. Er hat sie eher, wenn die Landwirtschaft nicht ganz zurückweicht. Er hat sie aber auch in Wäldern, die seit Einführung der Winterfütterung mehr Wild bergen als der Jäger regulieren kann.


Darum breitet er sich nicht nur von Osten nach Westen, sondern vor allem auch von Süden und Südosten wieder nach Norden aus. In den großen Wäldern der Alpen und ihren Vorbergen ist die Zahl der Rehe und Hirsche beachtlich, die Waldweide aber spielt keine Rolle mehr. Erinnern wir uns, dass es einst die Jäger waren, die eine schützende Hand über die Wölfe hielten. Warum sollte es nicht wieder so sein, dass er im Schutze der Jäger seine Überlebenschance bekommt? Die Lebensgrundlagen sind jedenfalls besser als jemals zuvor. Doch ist zu fürchten, dass nicht nach pragmatischen Gesichtspunkten entschieden wird, sondern nach Märchen-Emotionen. Die aber schüren von Kindheit an die Angst vor dem bösen Wolf. Das alles macht es schwer, um emotionslos über die Rückkehr des Wolfes zu sprechen. Am schwierigsten wird es aber wenn „Experten” alles sowieso wissen.

Zum Traumbild von der intakten Natur, nach der sich die Menschen zunehmend sehen, gehört allerdings auch der Ahne unserer Hunde, der Wolf. Wieweit Poesie und Wirklichkeit zusammenpassen, wird sich zeigen, wenn der nächste Wolf zugewandert ist. Nach EG-Recht steht er unter Naturschutz. Wird der Unglücksschütze vom vermeintlichen wildernden Schäferhund reden oder von vermeintlicher "Notwehr"?  Immerhin gibt es in Bayerns Osten schon wieder Jäger, die stolz auf „ihren Wolf” sind und ihn behüten. Bei Templin im Osten und im Bayerischen Wald hat man jeweils einen Wolf als „wildernden Hund" erschossen. Ein jagender Polizeibeamter erschoss ohne Grund einen Wolf. Wölfe stehen aber in der EU unter Naturschutz. So sah es die Wolfsgesellschaft. Sie stellte mehrfach Strafantrag gegen den Unglücksschützen. Der aber hatte die besseren Verbindungen zum Staatsanwalt, der genau dreimal die Strafverfolgung einstellte. Das Gesetz pro Wolf war also nichts wert. Besser haben es die Wölfe auf einem Truppenübungsplatz an der Ostgrenze von Sachsen. Inmitten vieler Wildschweine geht es ihnen recht gut. Das Militär hält die schützende Hand über die Wölfe, aber gesehen werden sie selten. 


Nur ist so ein alter heimatloser Wolf heute auch keine Bestie mehr. Dafür wissen wir viel zu viel über diesen Vater unserer Haushunde, die wie kein anderes Tier uneigennützig geliebt werden. Eben darum sieht auch keiner mehr ein, warum der wirklich wilde Wolf erbarmungslos verfolgt werden soll. So existieren heute neben-einander zwei Wolfsbilder, ein atavistisches und ein faschistisches.


 

Der als Symbol seiner Stärke und Körperkräfte, vor allem auch wegen seines Gruppenbewusstseins und der unbedingten Unterordnung unter den elitären Willen des Leitwolfes als Rudelführer verehrte Wolf, wird zu einem fatalen Leitbild. Darum haben Faschisten den Wolf seit jeher verehrt. Sie haben die Sozialordnung des Wolfsrudels auf ihre Organisation übertragen und als weitere Steigerung die Wolfsschanze erfunden.

Doch jeder Hundeführer kann gleichfalls vom Leitwolf lernen. Denn gegenüber seinem Hund wird er bei der Erziehung nur dann erfolgreich sein, wenn er mit aller Konsequenz die Rolle dieses Leitwolfes einnimmt und behält. Für viele ist der Haushund Streicheltier, Teddybär und Kindersatz. Das mag er ruhig sein, aber er bleibt auch der Wolf in der Familie, der nur dann wirklich glücklich ist, wenn er weiß, wer hier der Chef ist. Man muss so manches aus seiner Wolfrolle verstehen, so auch den Hass gegen Briefträger, die täglich kommen, aber nie in das Rudel aufgenommen werden, also darum vertrieben werden müssen. Ein Hund muss in der Reihe hinter dem Chef gehen und hat auch das Rudel nicht zu verlassen, um sich ohne Erlaubnis des Herren, also des Leitwolfes, mit anderen Hunden zu beißen oder alleine jagen und wildern zu gehen. Das ist nicht nur eine Katastrophe für alles Wild der Umgebung, sondern ein Paradebeispiel, dass die Familienbeziehung innerhalb des Rudels nicht stimmt. Wer es nicht schafft, seinen Hund wirklich zu führen und vom Wildern abzuhalten, der sollte es sich auch überlegen einen Hund zu halten. Das gilt besonders, wenn der Hund so groß ist wie ein Wolf. Für einen Hund braucht man sehr viel Zeit, denn er will ja mit uns gemeinsam im Rudel leben. Nichts ist schlimmer, auch für die Mitmenschen der Umgebung, als ein Hund, der sein Rudel verlässt und die Umgebung nach eigenem Gutdünken terrorisiert.

Die so wichtige enge Bindung stellt man durch Gemeinsamkeiten her. Eine wichtige davon ist das Heulen. Unter Wölfen ist gemeinsames Heulen nicht nur ein Mittel zur Revierabgrenzung, es ist auch eine Kommunikation auf große Distanz. Es hat aber als gemeinschaftlicher Gesang auch etwas ungemein Verbindendes. Hund und Wolf haben in ihrer Sprache ein ganzes Bündel von Verständigungsformen und -lauten. Sie winseln, jaulen, quieken, schreien, bellen freudig oder erregt, wütend oder einsam, sie knurren und brummen und ergänzen die Laut- mit der Körpersprache. Herandrängen, sich winden, wälzen, auf den Rücken werfen, mit den Pfoten schlagen oder tapsen, Bringsel schleppen, eine ganze Skala von Zeichen mit dem hoch getragenen oder eingezogenen, zaghaft oder schnell wedelnden Schwanz, sträuben oder anlegen der Haare, die verschiedenen Stellungen der Ohren. Grillenartiges quieken zeigt sexuelles Interesse, ein scharfer Quieker beendet die Unterhaltung.

Das alles ist gar nichts gegen das gemeinsame Heulen in Akkorden und Dissonanzen in den verschiedensten Tonlagen. Beim Wolf kann man wirklich sagen, dass die Wildnis ruft, und wer dieses Gruppenereignis je erlebt hat, für den hat es etwas ungemein Mystisches. Wie sollte man auch der erhabenen Harmonie, Gemeinsamkeit und Freundlichkeit zueinander anders Ausdruck geben. Heulen auch sie öfter mal mit Ihrem Hund und fangen sie ruhig damit an, um ihm zu zeigen, wer hier der Leitwolf ist.

Gleichgültig, welche der Dressur- und Gehorsamkeitsübungen sie anwenden, der Hund wird und muss dem Leitwolf immer gehorchen. Denn alleine das angeborene Verhalten, sich in die Sozialgemeinschaft Rudel einzufügen, hat ihn dazu fähig gemacht, in der Meute oder als Meuteersatz auch in der Gemeinschaft der Familie mit dem Menschen zu leben. Das war am Ende der Eiszeit nicht anders und auch nicht als Germanengott Odin seine Wölfe zu den „Grauen Hunden Gottes” gemacht hat. Viel zu viele vergessen, dass der Hund ein Wolf ist aber kein Mensch und auch kein Teddybär. Wenn es aber um die Wiedergutmachung zugefügten Unrechtes geht, das Menschen dem Wolf zugefügt haben, dann sollten wir auch nicht vergessen, dass der Wolf ein Hund ist. In jedem Fall ist er ein Mitgeschöpf, das ein Anrecht darauf hat, als Art zu überleben.