Wald: Zwergschnepfen  (Lymnocryptes minimus)

Jahr für Jahr werden in Bayern um die 50 Waldschnepfen totge-schossen. Das wirbelt immer einigen Staub auf, weil keiner genau weiß warum das so ist. Mit Naturerlebnis hat das nichts zu tun, denn die Vögel fallen nur nebenbei während der herbstlichen Stöberjagden an. Im Frühling könnte man das alles noch eher verstehen und sich noch hinter dem zauberhaften Balzerlebnis verstecken. Gegenüber der Barbarei, die eigentlich keine Jagd ist, geht es der Zwergschnepfe deutlich besser. Denn seit die Jagd auf Bekassinen beendet wurde, kann sie auch nicht mehr aus Versehen als Bekassine erschossen werden. Ihr bleibt damit der Kochtopf erspart.


Waldschnepfe
 

Wer sich auskennt, könnte im Gelände die beiden Arten durchaus auseinanderhalten. Die Bekassine steht jäh aus einem Graben oder einer Deckung auf, schreit „kreck, kreck" und macht dann erst einmal einige Zickzacks in ihrem Flug, so dass der Schütze, der auf „ Zick“ zielt, auf „Zack“ vorbeischießt. Die Zwergschnepfe aber steht stumm auf und fliegt nach Fledermausart etwas taumelnd davon. Sie hat etwa die Größe einer Feldlerche, und ist ungefähr gefärbt wie die Bekassine, doch ist ihr Schnabel eine Kleinigkeit kürzer als bei jener. Meist ist in einer Flugschar noch eine dritte Art mit dabei, der Zwergstrandläufer. Bei dem Gewimmel verwundert es nicht, dass uns Beobachtern die


Zwergschnepfe
 

Zwergschnepfe nahezu das ganze Leben verborgen geblieben ist. Man schaut einfach nicht genau genug hin, und so habe ich meine Zwergschnepfe erst einmal als vermeintliche Bekassine fotografiert und erst hinterher entdeckt, dass sie anders aussieht. Dabei ist die Kopfzeichnung ganz deutlich. Eine dunkle Kopfplatte haben beide, doch hat die Bekassine in der Mitte noch einen hellen Strich. Außerdem hat die Zwergschnepfe an den Kopfseiten über dem Auge einen doppelt abgesetzten Oberaugenstreifen, der dunkel ist. Bei der Bekassine ist die ganze Unterseite vom Hals bis zum Bauch deutlich und markant gestrichelt. Hingegen ist die Strichelung der Zwerg-


Bekassine
 

schnepfe so fein, dass man sie kaum wahrnimmt, weil es nur ein Farbhauch ist. Bekassinen sind zwar auch bei uns Durchzügler, ebenso aber auch Brutvögel, die allerdings mit der Trockenlegung aller Feuchtgebiete immer seltener werden. Die Zwergschnepfe ist bei uns ausschließlich Durchzügler, unter denen aber eine extrem seltene Rarität. In Deutschland  hat es nur Brutversuch mit gleich 4 Nestern gegeben. Das war 1862 bei Erlangen. Hans Wüst hat zwar immer wieder Bruten vermutet und hat auch danach gesucht. Er konnte sie aber nicht nachweisen. Jedoch auch in den bei uns im Osten angrenzenden Gebieten ist sie nicht anders als hier. Auch dort ist sie extrem selten, selbst auf dem Zug. Bruten wurden bekannt in der Provinz Finnmarken in Norwegen, in Schweden in der Provinz Norbodden. Das eigentliche Brutgebiet beginnt erst auf der Insel Kola, und die Linie der Verbreitung verläuft bei Tomsk – Tamyr – Kolima-Mündung, etwa auf der Linie des Polarkreises. Alle letzten Brutnachweise in den bei uns östlich angrenzenden Gebieten etwa in Polen, Litauen oder auch Finnland erfolgten im 19. Jahrhundert.

Als Zugvogel ist die Zwergschnepfe in ganz Deutschland nachgewiesen worden, wenn auch als ein sehr seltener. So ist er auch im ganzen Alpenvorland nachgewiesen, ebenso wie im ganzen Alpenraum. Den Winter über bleiben sie rastend gerne auf den Britischen Inseln. Dorthin ziehen sie in breiter Front, teils alleine, teils auch gerne zusammen mit anderen Arten. Für eine genauere Erforschung der Zugwege fehlt leider die Grundlage einer gründlichen Beringung. Das lässt sich angesichts der Seltenheit dieser Vogelart auch kaum nachholen. Vereinzelte Beringungen lassen erkennen, dass die Vögel in der Zugzeit sehr weit umherstreifen. Der älteste dieser beringten Vögel ist 4 ½ Jahre alt geworden. In ihren sibirischen Brutgebieten bevorzugen die Zwergschnepfen weite Moore mit Zwergstrauchvegetation, aber auch nasse Wiesen. Sie schätzen auch den an Bülten reichen Rand flacher Gewässer mit angrenzendem Zwergstrauchgürtel und sumpfige Erlen-Bruch-Wälder.

Beim  Durchzug hier zu Lande sind sie oftmals auf sehr kleine Biotope angewiesen. Das sind die feuchtesten Stellen in den moorigen Feuchtwiesen oder die Schlick-, Schwemm- und Verlandungszonen, wie sie das Ammerseedelta bietet. Immer ist aber die gute Deckung besonders wichtig. Daher sind es die Kleinstbiotope mit guter Deckung, in denen sie oft lange verharren, die sie aber auch mit der Bekassine teilen. Gibt es mehrere Biotope dieser Art, wechseln sie auch von einem zum anderen. Sonst zeigen sie sich tagsüber kaum, da sie vorwiegend nacht- und dämmerungsaktiv sind. Früh morgens in der Dämmerung hat man die größte Aussicht, dass man sie zu sehen bekommt. Dann kann es aber auch wieder eine Bekassine sein, die vor einem aufsteht und „kreck, kreck“ im Zickzackflug davoneilt. Oder ist es der Fledermausflug der Zwergschnepfe? Seit wir wissen, dass sie hier ist, schauen wir natürlich immer wieder ganz genau hin: ist das nun eine Bekassine oder eine Zwergschnepfe?
 


Zwergschnepfe (in der Bildmitte)

Wenn man den Bogen erst einmal heraus hat, ist es wirklich einfach, die beiden voneinander zu unterscheiden. Auch der Balzflug ist bei beiden anders. Die Bekassine steigt hoch, sehr hoch in die Luft auf. Dann aber stürzt sie sich so steil herab, dass Schwung- und Schwanzfedern flattern. Deren Vibrieren ist es, was den eigenartigen meckernden Ton verursacht. Darum sagen die Leute auch  „Himmelsziege“ zu ihr.
Bei der Zwergschnepfe sieht es anders aus: Auch sie steigt flatternd im Winkel vom 45-50 Grad hoch hinauf bis auf 50-60 Meter. Dann aber stürzt sie sich steil hinab bis sie etwa 25 m

über dem Boden ist. Hier fängt sie den Flug ab, wendet sich wieder nach oben. Wie beim Steinadler mit seinem Girlandenflug geht es mit dem Schwung wieder hinauf. Dann wird sie sich erneut hinab stürzen. Noch einmal geht es hinauf. Während des letzten vorgetragenen Sturzfluges leitet sie über in eine Gleitphase. Jetzt kann es sein, dass man ganz leise von oben den Vogel singen hört. Unerhört, dass der Vogel beim Kraftakt des Fliegens auch noch singt. Während des letzten vorgetragenen Fluges wird in der Gleitphase die Balzstrophe gesungen. Diese Wellenflüge wiederholt die Zwergschnepfe 8 – 10 x. Wenn sie im Geradeausflug etwa 500 m zurückgelegt hat,  hört man ein Wispern wie von Goldhähnchen. Dann macht die Zwergschnepfe nochmals zwei kurze Steigungen, gleitet  und kehrt dann zur Erde zurück.

Wolfgang Alexander Bajohr